Monatsarchiv Oktober 2011

Lamy: Von Hobbes zu Kant

Geschrieben am 24. Oktober 2011 von Nikolai Fuchs . 1 Kommentar

In diesem Blog möchte ich eine Bemerkung aufgreifen, die Pacal Lamy, Generaldirektor der WTO, am 6. Oktober anlässlich einer Veranstaltung der Deutschen Bank im Hinblick auf das globale Finanzsystem sagte: „Wir brauchen einen Wechsel von der Welt von Hobbes zu der von Kant.“

Thomas Hobbes lebte von 1588 bis 1679 in England. Immanuel Kant lebte von 1724 bis 1804 in Königsberg. Thomas Hobbes entwickelte die Theorie vom absoluten Staat, wo alle Macht einem Souverän – hier einem Herrscher – übertragen würde, da sich die Menschen sonst in einem Kampf aller gegen alle gegenseitig zerfleischen würden. Hobbes glaubte nicht an einen freien Willen der Menschen, sondern hält den Menschen für determiniert, für von der (seiner) Natur bestimmt. Kant wiederum sieht einem freien Willen nichts entgegenstehen, wenn er auch Grenzen einer transzendentalen Erlebnismöglichkeit ausmacht. War Hobbes noch dem Skeptizismus verfallen, findet Kant diesen unhaltbar. In seinem Traktat zum ewigen Frieden skizziert Kant bereits das Prinzip der Gegenseitigkeit, der Republik, die letztlich zu einem Völkerbund führen kann, bzw. soll.

Vermutlich bezieht sich Pascal Lamy auf diese Wendung in der Geschichtsauffassung, da er an anderer Stelle in seiner Rede an die – noch mangelhafte – Kooperationsfähigkeit der heutigen Staaten appeliert.

Kants Ideen wirken bis ins 21. Jahrhundert hinein, und wenn man gerade obigen Punkt des Völkerbundes aufgreift, stehen – trotz der UN – bestimmte Umsetzungen bis heute noch aus. Insofern ist es legitim, sich auf einen Zeitpunkt und einen Denker, der über 200 Jahre zurück in der Vergangenheit liegt, zu beziehen. Es hat an Aktualität nichts verloren. Dass Lamy im Gehabe der heutigen Finanzwirtschaft allerdings noch Züge von Hobbes, d.h. knapp 400 Jahre zurück liegend ausmacht, kann bedenklich stimmen. Und in der Tat wäre das schon ein kräftiger Schritt, die Zurückgebliebenheit auf „nur“ 200 Jahre zu verkürzen. Und anscheinend sind dann die Aufgaben immer noch herausfordernd genug.

Manchmal muss man, oder kann man, aber auch eine Stufe in der Entwicklung überspringen, gerade wenn man von ganz weit hinten kommt. Die ZEIT gibt gerade eine Serie von Einschätzungen verschiedenster Persönlichkeiten zum Kapitalismus heraus. Ein französischer Filmemacher äusserte darin seine Ansicht, dass Geld doch eigentlich ein Gemeingut sei. Manche hätten davon schlicht zuwenig. Erst hat mich diese Aussage gewundert, sie war für mich sehr ungewohnt. Aber dann wurde mir immer deutlicher, dass man Geld ja auch als Tauschmittel anschauen kann. Offensichtlich braucht man davon ausreichend, um Tauschgeschäfte ausführen zu können.Und offensichtlich haben manche davon mehr als sie brauchen, und andere zuwenig, warum die Wirtschaft nicht ausreichend brummt.

Neulich spielten wir im Kreis der Familie das Spiel „Kuhhandel“. Dabei zählt zum Schluss ausschliesslich, wieviel Quartette man mit je vier Tieren gleicher Art hat, das übrig gebliebene Geld spielt keine Rolle bei der Schlussbewertung. Ich hatte, weil schon fertig, noch Geld übrig. Meine Tochter hingegen brauchte offensichtlich noch Liquidität, um die letzten Ziegen ersteigern zu können. Ich war versucht, ihr unter dem Tisch etwas von meinem Geld zuzustecken. – Vielleicht ist das, was gemeint ist, und was ein modernes Geldwesen ausmachen könnte.

Das schliesst dann auch wieder den Kreis zu Pascal Lamy, der in seiner Rede bei der Deutschen Bank zum einen mehr Einkommensgerechtigkeit in den Staaten gefordert hat, weil Ungleichheit die Bereitschaft in der Bevölkerung zum internationalen Handel einschränkt, und zum anderen eine bessere Allokation von Geld in den unterschiedlichen Staaten – damit alle Handlungsfähig bleiben können.

Die dahinter liegende philosophische Haltung wäre wohl die des geläuterten Altruismus – geläutert weil von dem Makel des „Nicht-Egoistischen“ gereinigt, den heute ohnehin niemand mehr glaubt. Der aber von der Erfahrung gespeist ist, dass es jedem besser geht, wenn es allen gut geht.