Monatsarchiv Oktober 2012

Welternährung in der öffentlichen Wahrnehmung

Geschrieben am 31. Oktober 2012 von Nikolai Fuchs . 1 Kommentar

Am 15. Oktober wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Welternährung in der öffentlichen Wahrnehmung von der Uni Göttingen vorgestellt (http://www.presseportal.de/pm/81824/2343487/welternaehrung-in-der-oeffentlichen-wahrnehmung-repraesentative-studie-der-universitaet-goettingen). Dieser Studie gemäss, die online unter 1200 Menschen in Deutschland im März durchgeführt wurde, sehen die Deutschen die europäische Landwirtschaft nur in geringem Maβe als möglichen Problemlöser für das Welthungerproblem. Als Hauptursachen für den Hunger gelten vielmehr Dürren, Kriege und Konflikte sowie Korruption in den Entwicklungsländern. Aspekte, die unmittelbar mit der Landwirtschaft in Verbindung stehen, wie der Einsatz moderner Technologien und Nachernteverluste schätzten die Teilnehmer der Befragung als relativ unbedeutend ein. Daneben glauben die Teilnehmer eher, dass Hunger ein Verteilungs-, statt ein Produktionsproblem ist. Der verstärkte Einsatz der Gentechnik führt nach Einschätzung der Befragten eher zu einer Verschlechterung der Situation, während ein Verbot der Spekulation mit Nahrungsmitteln einen positiven Beitrag leisten könnte. Auch wird dem Ökolandbau im Hinblick auf die Welternährung mehr Problemlösungspotential zugetraut als der konventionellen Landwirtschaft. Letztlich sehen viele Befragten im Konsumverhalten in der EU Chancen, Einfluss auf das Welternährungsproblem zu nehmen, indem z.B. mehr regionale Ware und fair trade Produkte nachgefragt würden.

Der Inhaber des Lehrstuhls für Welternährungswirtschaft, Prof. Martin Quaim, der als Freund der Gentechnik gilt, bemühte sich dann auch gleich, die Ergebnisse der Studie zu kommentieren. So wären Dürren, Kriege und Konflikte häufig in den Medien, machten aber nur einen kleinen Teil des Hungerproblems aus. Auch weit verbreitete Ängste im Zusammenhang mit der Gentechnik würden nun auf das Hungerproblem übertragen. Ebenfalls seien Spekulationen medial sehr anwesend. Die Bevorzugung der Öffentlichkeit des Ökolandbaus, trotz seines geringeren Ertragsniveaus, sei ein Indiz für den starken Einfluss der Medien auf die persönliche Überzeugung. Insgesamt sieht Quaim die Menschen wesentlich durch Medien im Hinblick auf Bildung von Vorurteilen beeinflusst. Es brauche ein gesellschaftliches Umdenken in Richtung Nutzung von Innovation und ressourceneffizienter Wertschöpfung. (…)

Ein Ergebnis passt jedoch nicht in das Bild des Verbrauchers von Martin Quaim: denn obwohl die Medien viel über die Rolle des Fleischverzehrs im Hinblick auf den Welthunger berichten, ändern die Menschen – auch die Befragten – ihr Konsumverhalten kaum. Und noch ein Ergebnis ist interessant: deutschen Politikern wird wenig Lösungskompetenz in Sachen Welthunger zugetraut, eher noch der Welthungerhilfe, Greenpeace und – den Agrarwissenschaftlern.

Eigentlich geben die Verbraucher – aus meiner Sicht – ein sehr aufgeklärtes Bild ab. Sie sind weit über eine früher zu beobachtende Technik- und Fortschrittsgläubigkeit hinaus. Ihre Einschätzungen decken sich mit dem Weltagarbericht von 2008 sowie mit vielen anderen Studien. Martin Quaims Interpretation der Ergebnisse lässt eine Enttäuschung darüber, dass die Befragten nicht dem – seinem – Produktivitätsparadigma folgen möchten, erkennen. Vielleocht braucht es ja sogar wirklich mehr Erträge. Aber nur mit mehr Erträgen lässt sich das Hungerproblem nicht lösen. Ob seine Darstellung der durch Medien zu Fehlurteilen verführten Bürger deren geäussertes Vertrauen in die Agrarwissenschaft rechtfertigt?