Gier und Malaria

Geschrieben am 6. Februar 2013 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Am 23. Januar erschien in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ ein interessanter Artikel. Unter der Überschrift „Goldsucher als Gesundheitsrisiko“ war der Untertitel: „Menschliche Gier und Gesetzlosigkeit als idealer Nährboden für die Ausbreitung resistenter Malariaerreger“. Das Intro zu dem Artikel hielt dann fest: „Die Ausbreitung resistenter Malariaparasiten geht offenbar immer von Gegenden aus, in denen unkontrolliert und in grossem Stil nach Edelsteinen oder Gold gesucht wird. Das zeigen auch jüngste Untersuchungen.“

Die Geschichte geht dann so: Werden irgendwo, meist im Hinterland, Edelstein- oder Goldfunde aufgetan, strömen Glücksitter in grosser Schar an diese Orte. Allermeistens sind sie nicht immun gegen die Malaria-Erreger. Sie stecken sich an, wandern zurück an Orte, wo sie behandelt werden, um mit der Restmenge Wirkstoff des Medikaments im Blut sich erneut zu den Gruben aufzumachen. Dort werden sie wieder befallen, und der Erreger gewöhnt sich and das Medikament, das ihn in der Restmengen-Dosierung nicht mehr abtötet. So wird er langsam resistent. Das Fatale: die Glücksritter ziehen irgendwann weiter, aber die resistenten Erreger vor Ort bleiben. Betroffen davon sind erfahrungsgemäss meist Kinder.

Einzelnen so genannten Glücksrittern kann man keinen Vorwurf machen, sie suchen ein Auskommen, während andere sich bereichern wollen und rücksichtslos vorgehen. Man könnte jetzt viele Lösungsvorschläge, wie der Raubbau besser zu regeln wäre machen. Interessant, und deswegen sei hier darauf hingewiesen, ist in jedem Fall der über Umwege sehr direkte Zusammenhang von unkontrollierter Ausbeutung und Leidtragenden. Die Natur setzt das hier sehr schön ins Bild.

Und noch ein Gesichtspunkt ist vielleicht bedenkenswert: Wer sich z.B. als Einheimischer auf seine Traditionen zurück zieht, und vielleicht durchaus un-gierig ein zurückgezogenes Leben im Busch führt und damit den anderen aber das Terrain überlässt, erntet nichts als Umweltzerstörung und Probleme. Vielleicht verschuldigt er sich sogar gegenüber seinen Kindern, auf jeden Fall gegenüber der Umwelt. Wenn man davon ausgeht, dass Bodenschätze gehoben gehören (was sollen sie sonst da unten), dann gibt es vielleicht sogar eine Pflicht, wenn es einem in die Hände gelegt ist, damit sorgfältig zu verfahren und die Schätze kontrolliert zu heben. Dann gäbe es sogar eine „Pflicht zur Entwicklung“. Ist das, wenn nicht ein gefährlicher, so doch ein herausfordernder Gedanke?

Schleppende bis gar keine Übereinkünfte – ist die jetzige staatliche Ordnung noch richtig?

Geschrieben am 23. Januar 2013 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Ob Klimawandel-Übereinkünfte, oder die im Koma liegende Doha-Runde bei der WTO – die Staaten scheinen kaum zu längerfristigen (Nachhaltigkeits-) Übereinkünften in der Lage. Das ist tragisch für viele Menschen und das ökologische Gleichgewicht des Planeten, und man muss vermehrt über die Ursachen nachdenken.

Natürlich, das weiss jeder, Politik in Demokratien findet in vier- bis fünf-Jahreshorizonten statt, was wenig Raum für langfristige Entscheidungen lässt, die innerhalb der Horizonte bereits Einschränkungen mit sich bringen könnten. Auch das heute vorherrschende kapitalistische System ist unerbittlich: stimmen mal die Wachstumszahlen nicht, ist eine Regierung schnell weg vom Fenster. Unter solchen Verhältnissen fallen gegenseitige Konzessionen, die Wachstumsprozente kosten könnten, sehr schwer. Aber das reicht als Gründe für die schleppenden Verhandlungen nicht aus. Denn die Bürger sind zunehmend sensibilisiert was Nachhaltigkeitsthemen anbelangt, und der Umweltfrevel kann zukünftiges Wachstum schnell zunichte machen, was schnelles gegensteuern opportun erscheinen lässt. Politisch müsste also etwas gehen. Aber warum geht es trotzdem nicht?

Pascal Lamy, der Generaldirektor der WTO, der im kommenden Sommer seine zweite und letzte Amtszeit beendet, leidet darunter, dass er in seiner Amtszeit die Doha-Runde nicht zu einem Abschluss führen konnte. Also räsoniert er, woran das liegen könnte.

In jünger zurück liegenden Vorträgen, z.B. bei der Richard Snape Lecture am 26. November 2012 in Melbourne macht er als eine der Kern-Ursachen für die heutige Übereinkunfts-Schwäche der Staaten die Westfälische Ordnung von 1648 aus. Damals kamen führende europäische Mächte – das Heilige Römische Reich, die Niederlande, Spanien, Frankreich und Schweden darin überein, dass kein Land in ein anderes Land hineinregieren darf. Diese Übereinkunft legte die Grundlage für die heutigen souveränen Staaten. (Wenig später trat noch die Notion der „Nation“ hinzu – das Land als Siedlungsraum von Menschen gleicher Sprache und gleicher Kultur – der Nationalstaat). Xavier Solana hat auf einer Nato-Konferenz 1998 dieses Westfälische System kritisiert, indem er sagte, dass Humanismus und Demokratie den Staatenlenkern damals fremd waren, und dass das Westfälische System eher Rivalismus, als Kooperation fördere. Auch Joschka Fischer adressierte das Phänomen im Jahr 2000 in einer Rede bei der Humboldt-Universität und stellte heraus, dass man in Europa nach 1945 das dem Westfälischen System inhärente System der Balance der Macht und die Hegemonialansprüche einzelner Staaten überkommen habe.

Es geht also um Souveränität, und ob man bereit ist, diese in supra-nationalen Zusammenhängen zu teilen (was nicht immer ein Verlust bedeuten muss, sondern auch einen Zugewinn an Souveränität, wie kürzlich die ehemalige Schweizer Bundesrätin Micheline Calmy Rey bemerkte, bedeuten kann). Vor allem würde es darum gehen, die oben bezeichnete Tendenz zur Rivalität zu überwinden.

Nach Pascal Lamy liegt der Stillstand in den Verhandlungen daran, dass der unterschiedliche Entwicklungsstand der Länder und die daraus resultierenden Beitrags-Pflichten für zukünftige Lösungen zu wenig auf der Ebene „Rechte“ (also welche Rechte habe ich) und „Verantwortlichkeiten“ (also, welche Verantworung erwächst mir aus welchem Entwicklungstatus) thematisiert wird, was zukünftig mehr geschehen müsse.

Mit diesem Hinweis lässt er es bewenden, und weist primär auf die neuen Handelsrealitäten hin. Immer mehr Komponenten von Produkten würden heute gehandelt. So würde ‘Made in Germany’ oder ‘Made in China’ den heutigen Realitäten nicht mehr entsprechen. Diese Label würden zum Teil nur noch auf die 10% Endfertigung zutreffen; alles andere käme aus den unterschiedlichsten anderen Ländern. Von daher hätte die WTO den Term „Made in the world’ geprägt. Diese neue Realität, und das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeiten könnte den Kooperationswillen der Nationalstaaten stärken, kann man implizit aus seinen Ausführungen heraus hören.

Es sind heute gegenüber früher, wo Zoll-Tarife der Haupt-Verhandlungsgegenstand in der WTO waren, aber vor allem nicht-tariffäre Handelshindernisse in Form von z.B. Gesundheits- und Sicherheits-Standards, die den Handels-Alltag prägen. Diese sind schwieriger zu verhandeln als reine Zoll-Tarife. Um sie so weit wie möglich zu harmonisieren, um Handel zu erleichtern, braucht es Transparenz und einen starken Willen zur Kooperation. Einsicht in die starken gegenseitigen Abhängigkeiten könnte den Willen zur Zusammenarbeit fördern.

Kommentar:

Wir leben in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Länder tendieren in diesen Zeiten dazu sich abzuschotten und keine Konzessionen mehr einzugehen. Das Ansehen der eigentlich bedrückenden globalen Herausforderungen führt bis heute nicht dazu, in Verhandlungen stärker aufeinander zuzugehen. Die von Pascal Lamy erkannten wahrzunehmenden „Verantwortlichkeiten“ als Schlüssel materialisieren sich nicht, oder nur kaum. Auch die stärkeren gegenseitigen Abhängigkeiten im Handel führen nicht, oder nur kaum, zu verbesserter Kooperation. Die oben erhofften Verhandlungserfolge treten nicht ein.

Egal wie man es dreht und anschaut, die Staaten finden heute aus ihrer egozentrischen Souveränitäts-Logik (noch) nicht heraus. Weder die globalen Herausforderungen, noch die neuen Handelsrealitäten fördern einen wirklich kooperativen Geist. Es scheint doch die (National-)Staatslogik zu sein, die die Kooperation zum Vorteil aller verhindert. Wenn die Europäische Union ein Schritt in die Richtung ist, den Nationalstaat ein Stück weit zu überwinden, dann gälte es, als nächsten Schritt eine Welt-Union aller 192 Staaten zu begründen. Das ist die eine Denkrichtung. Die andere ist, dass es heute zunehmend die Zivilgesellschaft ist, die die globalen Herausforderungen ins Bewusstein nimmt und Handlungen daraus ableitet. Vielleicht muss die Zivilgesellschaft mehr Handlungsvollmachten erhalten, um global mehr gestalten zu können.

Pestizide gegen Rückenschmerzen

Geschrieben am 23. November 2012 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Auf Provokationen soll man ja eigentlich nicht eingehen, aber diese lohnt eine Betrachtung: Ein Weltbank-Mitarbeiter stellte am 21. November die Studie „Africa Can Help Feed Africa“ in der WTO vor. Darin sprach er von allerlei Entwicklungshemmnissen, die verhindern würden, dass Afrika sein volles Produktionspotential ausschöpfe. So würden in Subsahara bis zu 90% des fruchtbaren Bodens einfach brach liegen. Daneben würden unnötige bürokratische Hürden den Zugang namentlich zu Dünger, Pflanzenschutzmitteln und verbessertem Saatgut erschweren, die letztlich die Produktivität enorm erhöhen würden.

Nach der Präsentation meldeten sich einige im Plenum zu Wort. Ob der Autor denn bedacht hätte, dass man für landwirtschaftliche Erzeugung nicht nur fruchtbaren Boden, sondern auch Wasser bräuchte. Dafür wäre er kein Fachmann, entgegnete er, aber es gäbe Fachleute dafür in der Weltbank. Ein anderer fragte, ob er denn an die Biodiversität in der entsprechenden Region gedacht hätte. Ja, wenn dort (Ur-)Wald stünde, dann wäre diese Region nicht gemeint (der Gürtel, den er bezeichnet hat, ist Savanne). Ganz zum Schluss machte ich die Bemerkung, dass ich die Darstellung, dass einfach mehr Dünger einsetzen das Problem lösen würde, etwas zu einfach fände. Man müsse doch heute angesichts von Klimawandel, Biodiversitätsverlust und eutrophierten Gewässern, wo Stickstoff einer der drei Faktoren wäre, wo die planetaren Grenzen schon deutlich überschritten wären, und Stickstofferzeugung sehr energie-intensiv wäre (Klimawandel und Biodiversität sind die anderen Bereiche, wo die planetaren Grenzen schon überschritten sind) die Problemlage ganzheitlicher betrachten. Darauf entgegnete er, und er wolle etwas Provozieren: Ja, ja, die Umweltwirkung müsse man schon beachten. Aber er kenne die Argumentation, die werde ja auch häufig bei Pestiziden vorgebracht. Aber Pestizide würden die Bäuerinnen von mühsamer Hack-Arbeit entlasten, und dann hätten sie mehr Zeit für die Familie (und sein Blick sagte: wer will dagegen schon etwas haben). (Über die über 20.000 Tote pro Jahr durch Pestizide, und dass es intelligente push und pull Methoden fertig entwickelt und praxistauglich gibt, haben wir nicht mehr gesprochen. Ich habe nur noch gestaunt, was für (doch, ich muss es sagen: ignorante) Haltungen es heute so prominent noch gibt.

Ich würde gerne einmal einen nicht-arroganten Weltbank Mitarbeiter kennen lernen.

Welternährung in der öffentlichen Wahrnehmung

Geschrieben am 31. Oktober 2012 von Nikolai Fuchs . 1 Kommentar

Am 15. Oktober wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Welternährung in der öffentlichen Wahrnehmung von der Uni Göttingen vorgestellt (http://www.presseportal.de/pm/81824/2343487/welternaehrung-in-der-oeffentlichen-wahrnehmung-repraesentative-studie-der-universitaet-goettingen). Dieser Studie gemäss, die online unter 1200 Menschen in Deutschland im März durchgeführt wurde, sehen die Deutschen die europäische Landwirtschaft nur in geringem Maβe als möglichen Problemlöser für das Welthungerproblem. Als Hauptursachen für den Hunger gelten vielmehr Dürren, Kriege und Konflikte sowie Korruption in den Entwicklungsländern. Aspekte, die unmittelbar mit der Landwirtschaft in Verbindung stehen, wie der Einsatz moderner Technologien und Nachernteverluste schätzten die Teilnehmer der Befragung als relativ unbedeutend ein. Daneben glauben die Teilnehmer eher, dass Hunger ein Verteilungs-, statt ein Produktionsproblem ist. Der verstärkte Einsatz der Gentechnik führt nach Einschätzung der Befragten eher zu einer Verschlechterung der Situation, während ein Verbot der Spekulation mit Nahrungsmitteln einen positiven Beitrag leisten könnte. Auch wird dem Ökolandbau im Hinblick auf die Welternährung mehr Problemlösungspotential zugetraut als der konventionellen Landwirtschaft. Letztlich sehen viele Befragten im Konsumverhalten in der EU Chancen, Einfluss auf das Welternährungsproblem zu nehmen, indem z.B. mehr regionale Ware und fair trade Produkte nachgefragt würden.

Der Inhaber des Lehrstuhls für Welternährungswirtschaft, Prof. Martin Quaim, der als Freund der Gentechnik gilt, bemühte sich dann auch gleich, die Ergebnisse der Studie zu kommentieren. So wären Dürren, Kriege und Konflikte häufig in den Medien, machten aber nur einen kleinen Teil des Hungerproblems aus. Auch weit verbreitete Ängste im Zusammenhang mit der Gentechnik würden nun auf das Hungerproblem übertragen. Ebenfalls seien Spekulationen medial sehr anwesend. Die Bevorzugung der Öffentlichkeit des Ökolandbaus, trotz seines geringeren Ertragsniveaus, sei ein Indiz für den starken Einfluss der Medien auf die persönliche Überzeugung. Insgesamt sieht Quaim die Menschen wesentlich durch Medien im Hinblick auf Bildung von Vorurteilen beeinflusst. Es brauche ein gesellschaftliches Umdenken in Richtung Nutzung von Innovation und ressourceneffizienter Wertschöpfung. (…)

Ein Ergebnis passt jedoch nicht in das Bild des Verbrauchers von Martin Quaim: denn obwohl die Medien viel über die Rolle des Fleischverzehrs im Hinblick auf den Welthunger berichten, ändern die Menschen – auch die Befragten – ihr Konsumverhalten kaum. Und noch ein Ergebnis ist interessant: deutschen Politikern wird wenig Lösungskompetenz in Sachen Welthunger zugetraut, eher noch der Welthungerhilfe, Greenpeace und – den Agrarwissenschaftlern.

Eigentlich geben die Verbraucher – aus meiner Sicht – ein sehr aufgeklärtes Bild ab. Sie sind weit über eine früher zu beobachtende Technik- und Fortschrittsgläubigkeit hinaus. Ihre Einschätzungen decken sich mit dem Weltagarbericht von 2008 sowie mit vielen anderen Studien. Martin Quaims Interpretation der Ergebnisse lässt eine Enttäuschung darüber, dass die Befragten nicht dem – seinem – Produktivitätsparadigma folgen möchten, erkennen. Vielleocht braucht es ja sogar wirklich mehr Erträge. Aber nur mit mehr Erträgen lässt sich das Hungerproblem nicht lösen. Ob seine Darstellung der durch Medien zu Fehlurteilen verführten Bürger deren geäussertes Vertrauen in die Agrarwissenschaft rechtfertigt?

WTO – Organisation oder Institution?

Geschrieben am 28. September 2012 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Pascal Lamy, der Generaldirektor der WTO, der häufiger durch wenn auch nicht unkonventionelle, so doch originelle Beobachtungen und Gedankengänge auffällt, machte zu Beginn des WTO Public Forum 2012 (24. – 26. September in Genf) eine interessante Aussage: Die WTO habe zwei Seiten: einmal sei sie mehr eine Organisation, ein andermal eine Institution. In letzter Zeit würde die Institutionen-Seite dominieren. Er führte nicht weiter aus, was er damit meinte. Aber die Gedanken, die man daran anschliessen könnte wären u.a. die folgenden: Eine Organisation ist der Raum, in dem sich die Organe zusammenfinden und „organisieren“. D.h. immer wieder neu sich nach gesteckten Zielen ausrichten, und neue Gleichgewichte herstellen, bis der Organismus seiner Aufgabe gerecht werden kann. Man darf sich das wohl flexibel, und in dauernder Bewegung vorstellen.

Eine Institution hingegen hat etwas gesetztes, eine, wenn man so will, Geist-Gestalt (natürlich mit physischer Erscheinung), die man adressieren kann, und die mit ziemlicher Verlässlichkeit in einer bestimmten Art reagiert. Vermutlich darf man den Vatikan als eine Institution bezeichnen.

Ein Fehler der WTO sei, so kürzlich ein Beobachter, dass sie schon habituell zu allem Neuen „nein“ sage. Das kann daran liegen, dass in dem Habitus des „give an take“, nach dem heute die Verhandlungen ablaufen, alle Positionen gesetzt sind. Man bewegt sich nur, wenn man dafür etwas bekommt. Kommt (droht) also eine Neuerung, hat man Angst, hinterher irgendwo feststellen zu müssen, dass man etwas verloren hat. Davor hat man Angst. Also muss das Spielfeld gewohnt und übersichtlich bleiben. Wenn sich dann nichts bewegt, so wie jetzt bei der Doha-Runde, dann ist das zwar bedauerlich, aber dann hat man wenigstens eins – Sicherheit. Und dies dürfte mehr mit einer Institution, als mit einer Organisation gegeben sein.

Rückblick auf Rio+20 (aus Sicht eines externen Beobachters)

Geschrieben am 28. Juni 2012 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Am 22. Juni gingen die über 100 Regierungschefs in Rio de Janairo nach der Konferenz Rio+20 auseinander, ohne sich auf die von der Zivilgesellschaft gewünschten und geforderten konkreten Resultate verständigt zu haben. Es gibt ein Abschlusspapier, und das ist auch nicht ohne Bedeutung – viele Passagen lesen sich gut und haben auch Inhalt. Aber es sind Worte der Unterstützung, auch des Commitments, aber konkrete, festgelegte Ziele auf die man auch später im Sinne von Verabredungen zurückkommen kann, gibt es so gut wie keine. Es gibt Vorhaben wie das zu begrenzte Brutto-Sozial-Produkt zu überkommen, immerhin, aber das reicht alles nicht. Es hat sich leider bewahrheitet – die Regierungen sind, zumindest wenn sie auf globaler Ebene für die Zukunft der Erde zusammenarbeiten sollen, schwach. Sie können die – meist wirtschaftlichen – Eigeninteressen nicht für das Erdengemeinwohl transformieren. So muss die Zivilgesellschaft die Entwicklung („the future we want“ – so der (zu) wohltönende ursprüngliche Aufschlag für Rio+20) selber in die Hand nehmen.

Für meine Empfindung ist mit Rio+20 aber auch der Begriff „sustainability“ (wieder mal) an seine Belastungsgrenze gekommen. Das bewirken solche hoch aufgehängten Treffen eben auch – wenn sie für ein hehres Ziel antreten, und die Ambition dann aber nur breit treten, dann kann auch ein schaler Geschmack entstehen, und die Energie, die Kraft von Begriffen „abgegriffen“, und dadurch auch geschwächt werden. Auch ein edles Pferd kann man schinden.

Kritisch ist jetzt, dass manche „Resilience“ zum neuen Leitbegriff erheben wollen. So wertvoll auch dieser Begriff – er weist aus, dass Organismen flexibel und anpassungsfähig, mit einer gewissen Selbstheilungskapazität auf Schocks reagieren – ist, er enthält als Leitbegriff die Gefahr, dass man sich in ihm einigelt. Ja, es ist (leider) sehr wahrscheinlich, dass uns vermehrt heftige Umweltkrisen heimsuchen werden. Und gut, wer sich darauf einrichtet und vorbereitet. Aber Re-silience es ist eine reaktive Qualität, keine Proaktive.

Proaktiv würde heissen, dass wir uns überlegen, wie wir leben wollen (nochmal, aber diesmal ernst: “the future we want”). Wollen wir in blühenden Landschaften unterwegs sein? Dann sollten wir Blumen säen und Sträucher pflanzen!

Lamy: Wir müssen die Kosten der Umweltzerstörung einpreisen

Geschrieben am 12. April 2012 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

In einem Interview kürzlich in der ZEIT (Die ZEIT 4. April 2012, S. 30) gab Pascal Lamy, Generaldirektor der WTO, einige interessante Antworten auf die Fragen:

(…)

ZEIT: In vielen Ländern haben die Leute Angst vor Globalisierung und Liberalisierung. Sie aber wollen immer mehr davon.

Lamy: Verwechseln Sie Handelsöffnung nicht mit Deregulierung. Handel braucht faire Regeln, so wie die Finanzmärkte auch. Genau das will ich.

ZEIT: Was sagen die Ökologen? Die fürchten, dass wir schon aus Umweltgründen unser Wachstum nicht unendlich steigern können?

Lamy: Da kennen wir doch längst die Lösung. Wir müssen die Kosten der Umweltzerstörung einpreisen. Sonst werden die Folgen tatsächlich katastrophal sein.

(…)

Sie halten also wenig von Lokalisierung, von der Idee, Produkte besser aus der näheren Umgebung zu kaufen?

Lamy: Das kommt Moneygram money order auf den konkreten Fall an. Ob es ökologisch sinnvoller ist, die Rosen in Kenia zu züchten oder in Gewächshäusern in den Niederlanden, ist fraglich.

(…)

Kommentar: Pascal Lamy wünscht sich Staaten, die Regeln setzen können, oder gar Gesetze zur Einpreisung von Umweltschäden. Er sieht gleichzeitig die Schwäche des momentanen Systems, indem er in dem Interview bemerkt, dass Regierungen zu Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise keine Wähler gegen sich aufbringen wollen, auch wenn neue Regeln den Ländern eigentlich gut täten. Eine Lösung zu diesem Problem, hat er nicht. Immerhin sieht er, dass es zumindest im Einzelfall sinnvoller sein kann, Produkte lokal zu erwerben. Die momentanen Regeln bevorteilen jedoch meist nicht-lokale Produktion. Wenn die Staaten aber zu Regulierungen zu schwach sind – was dann?

Lamy: “there is no business more complicated than agriculture”

Geschrieben am 13. Februar 2012 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Am 8. Februar hatte der Economist nach Genf zur Konferenz: „Feeding the world – the 9 billion dollar question“ eingeladen. Pascal Lamy, Generaldirektor der WTO stellte in seinem Referat fest, dass sehr wenige Länder die haupt landwirtschaftliche Produktion schultern. Afrika sei der für Ernährungssicherung noch unerschlossene Kontinent. Die Produktivität der Landwirtschaft sei dort vergleichsweise sehr niedrig. Viele politische Faktoren stünden einer besseren Entwicklung entgegen, darunter die landwirtschaftlichen Subventionen in der westlichen Welt. Landwirtschaft sei, entgegen der allgemeinen Annahme, das komplizierteste Geschäft. Handel könne helfen, Ernährungssicherung zu verbessern. Offener Wettbewerb würde helfen, dass bellacor.com die Nahrung dort erzeugt würde, wo es am besten ginge.

Interessanterweise war es die genossenschaftliche Rabobank, die die Grosskonzerne zu kooperativem Handeln aufforderte. Die Farmer würden zwischen den Verarbeitern und Händlern, die immer niedrigere Preise durchsetzen wollten, und den Vorleistungs-Anbietern wie Düngemittel-Firmen, die möglichst hohe Preise für ihre Vorleistungen durchsetzen wollten, nahezu erdrückt; sie wären in der Falle. Der zukünftige Kampf um Rohstoffe würde den Markt zwischen den Grosskonzernen immer mehr in Segmente aufteilen, so die Bank, die zu den 30 grössten der Welt zählt, und die auf das Agrar- und Ernährungsgewerbe spezialisiert ist. Das würde zur Ernährungsunsicherheit beitragen. Deswegen seien die Verarbeiter und Händler in der Pflicht, den landwirtschaftlichen Sektor prinzipiell zu fördern – unter anderem durch besseren Zugang zu Vorleistungen und Wissen, aber auch durch Ausbildung, und durch Druck auf die Regierungen, Handelsbarrieren abzubauen. Dabei solle der Fokus auf transparente und nachverfolgbare Produktion gelegt werden.

Nestlé Chef Bulcke stellte Nestlés Strategie, Farmer zu unterstützen vor. Nestlé arbeitet mit 600.000 zum Teil Kleinbauern weltweit zusammen. Mit integrierten Programmen werden die Bauern angeleitet, ihre Rolle in einer qualitativen Wertschöpfungskette zu spielen.

Fazit: Nur Wettbewerbsstrategien zu folgen verengt den Markt auf wenige Player, die noch dazu ihre eigenen Wertschöpfungsketten optimieren, und damit von Wettbewerbern (und der Allgemeinheit) abgrenzen. Ob diese Player dem Ruf der Rabobank, kooperativer die Urproduktion – über ihre eigene Wertschöpfungsketten hinaus – zu unterstützen nachkommen werden? Bulcke plädierte dann auch für ein Zusammenspannen aller gesellschaftlicher Kräfte (wovon, das wissen wir, zumindest der public sector schwächelt). Die Befürchtung bleibt, dass in dem heutigen (Wettbewerbs-)System die Verlierer, d.h. die Armen in den marginalisierten Regionen, doch nicht zur Ernährungssicherung finden werden. Der Wechsel muss vielleicht doch noch fundamentaler ansetzen.

Hunger “bekämpfen”

Geschrieben am 10. Januar 2012 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

„Kampf“ dem Hunger

Das ist doch interessant: warum, spricht man vom „Kampf“ gegen den Hunger? Jüngst hat der zum Jahreswechsel 2012 neuberufene Generaldirekor der FAO (der UNO Organisation für Landwirtschaft und Ernährung), José Graciano da Silva diesen Terminus wieder verwandt.

Hunger kommt nicht „aktiv“ daher. Da ist niemand, der Hunger explizit will, den man also bekämpfen könnte. Hunger ist mehr passiv, er stellt sich ein, vielleicht manchmal gerade, weil man nicht aktiv ist.

Hunger ist eine Herausforderung. Aber Herausforderungen „besteht“, oder „meistert“ man.

Warum also „Kampf“?

Vielleicht wegen der strategischen Dimension. Oder weil Hunger etwas bedrohliches hat. Vielleicht, weil man sich „rüsten“ muss, um es mit dieser Menschheitsgeiβel auf zu nehmen. Auf jeden Fall braucht es einen (Schlacht-)Plan, Mit-“streiter“ und den Willen zum Sieg. Insofern stimmt vielleicht die Metapher „Kampf“. Im Einzelnen geht es dann aber vor Ort um die liebevolle Entwicklung von Initiativen, um den Schutz dieser keimhaften Intiativen, um Pflege („care“), um Einbezug der Betroffenen und um Befähigung (mehr noch als um „Bemächtigung“). Die Kampfmetapher legt nämlich auch Bilder wie „Anbauschlacht“, Massenerträge, riesige Mähdrescher und Containerschiffe nahe. Das ist nicht immer das richtige Rezept, um dem Hunger zu begegnen. Hunger ist auch etwas, das man „lindern“ kann – und muss. Den Hunger lindern trägt eine andere Geste in sich – mehr ein helfende, als eine niederwerfende, oder zu Besiegende. Vielleicht würde ein Umschwung, auch in der Begrifflichkeit, helfen, das Hungerproblem mehr Lösung spendend anzugehen.

Lamy: Von Hobbes zu Kant

Geschrieben am 24. Oktober 2011 von Nikolai Fuchs . 1 Kommentar

In diesem Blog möchte ich eine Bemerkung aufgreifen, die Pacal Lamy, Generaldirektor der WTO, am 6. Oktober anlässlich einer Veranstaltung der Deutschen Bank im Hinblick auf das globale Finanzsystem sagte: „Wir brauchen einen Wechsel von der Welt von Hobbes zu der von Kant.“

Thomas Hobbes lebte von 1588 bis 1679 in England. Immanuel Kant lebte von 1724 bis 1804 in Königsberg. Thomas Hobbes entwickelte die Theorie vom absoluten Staat, wo alle Macht einem Souverän – hier einem Herrscher – übertragen würde, da sich die Menschen sonst in einem Kampf aller gegen alle gegenseitig zerfleischen würden. Hobbes glaubte nicht an einen freien Willen der Menschen, sondern hält den Menschen für determiniert, für von der (seiner) Natur bestimmt. Kant wiederum sieht einem freien Willen nichts entgegenstehen, wenn er auch Grenzen einer transzendentalen Erlebnismöglichkeit ausmacht. War Hobbes noch dem Skeptizismus verfallen, findet Kant diesen unhaltbar. In seinem Traktat zum ewigen Frieden skizziert Kant bereits das Prinzip der Gegenseitigkeit, der Republik, die letztlich zu einem Völkerbund führen kann, bzw. soll.

Vermutlich bezieht sich Pascal Lamy auf diese Wendung in der Geschichtsauffassung, da er an anderer Stelle in seiner Rede an die – noch mangelhafte – Kooperationsfähigkeit der heutigen Staaten appeliert.

Kants Ideen wirken bis ins 21. Jahrhundert hinein, und wenn man gerade obigen Punkt des Völkerbundes aufgreift, stehen – trotz der UN – bestimmte Umsetzungen bis heute noch aus. Insofern ist es legitim, sich auf einen Zeitpunkt und einen Denker, der über 200 Jahre zurück in der Vergangenheit liegt, zu beziehen. Es hat an Aktualität nichts verloren. Dass Lamy im Gehabe der heutigen Finanzwirtschaft allerdings noch Züge von Hobbes, d.h. knapp 400 Jahre zurück liegend ausmacht, kann bedenklich stimmen. Und in der Tat wäre das schon ein kräftiger Schritt, die Zurückgebliebenheit auf „nur“ 200 Jahre zu verkürzen. Und anscheinend sind dann die Aufgaben immer noch herausfordernd genug.

Manchmal muss man, oder kann man, aber auch eine Stufe in der Entwicklung überspringen, gerade wenn man von ganz weit hinten kommt. Die ZEIT gibt gerade eine Serie von Einschätzungen verschiedenster Persönlichkeiten zum Kapitalismus heraus. Ein französischer Filmemacher äusserte darin seine Ansicht, dass Geld doch eigentlich ein Gemeingut sei. Manche hätten davon schlicht zuwenig. Erst hat mich diese Aussage gewundert, sie war für mich sehr ungewohnt. Aber dann wurde mir immer deutlicher, dass man Geld ja auch als Tauschmittel anschauen kann. Offensichtlich braucht man davon ausreichend, um Tauschgeschäfte ausführen zu können.Und offensichtlich haben manche davon mehr als sie brauchen, und andere zuwenig, warum die Wirtschaft nicht ausreichend brummt.

Neulich spielten wir im Kreis der Familie das Spiel „Kuhhandel“. Dabei zählt zum Schluss ausschliesslich, wieviel Quartette man mit je vier Tieren gleicher Art hat, das übrig gebliebene Geld spielt keine Rolle bei der Schlussbewertung. Ich hatte, weil schon fertig, noch Geld übrig. Meine Tochter hingegen brauchte offensichtlich noch Liquidität, um die letzten Ziegen ersteigern zu können. Ich war versucht, ihr unter dem Tisch etwas von meinem Geld zuzustecken. – Vielleicht ist das, was gemeint ist, und was ein modernes Geldwesen ausmachen könnte.

Das schliesst dann auch wieder den Kreis zu Pascal Lamy, der in seiner Rede bei der Deutschen Bank zum einen mehr Einkommensgerechtigkeit in den Staaten gefordert hat, weil Ungleichheit die Bereitschaft in der Bevölkerung zum internationalen Handel einschränkt, und zum anderen eine bessere Allokation von Geld in den unterschiedlichen Staaten – damit alle Handlungsfähig bleiben können.

Die dahinter liegende philosophische Haltung wäre wohl die des geläuterten Altruismus – geläutert weil von dem Makel des „Nicht-Egoistischen“ gereinigt, den heute ohnehin niemand mehr glaubt. Der aber von der Erfahrung gespeist ist, dass es jedem besser geht, wenn es allen gut geht.

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