Pascal Lamy: „Ich sehe keinen Anlass, die WTO zu reformieren“. – Braucht es einen Re-Boot?

Geschrieben am 20. September 2011 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Für Pascal Lamy scheint die Welt relativ in Ordnung. Dass die Doha Runde nicht weitergeht sei im Wesentlichen auf ein Problem, dass die entwickelten Länder (wie z.B. die USA) mit den Schwellenländern (Beispielsweise China) hätten, zurück zu führen: Erstere wollten bei Letzteren einen besseren Marktzugang – ein klassisches Handelsproblem, das nichts mit Institutionen im Allgemeinen, und der WTO im Besonderen zu tun habe, so der Director General bei einem Interview beim WTO Public Forum am Montag. Dass derweil die Entwicklungsländer mit ihren Anliegen wie dem Abbau von Zoll-Eskalationen (je verarbeiteter die Produkte, umso höher die Zölle) im Stau stehen, sei bedauerlich, aber unter anderem dem Prinzip des Konsenses in der WTO geschuldet, wozu es so schnell keine bessere Lösung gebe. Vielleicht könne man etwas an den Prozessen, wie dem single undertaking (alles wird zusammen verabschiedet) ändern. Mal sehen, ob die Mitglieder – denn er sei nur „Facilitator“ – im Dezember beim Ministertreffen dazu eine Entscheidung treffen würden. – So die Sicht von Pascal Lamy.

Diese Logik ist bestechend einfach. Sie erinnert allerdings an die jeweiligen Vertreter des Ultra-Liberalismus und des Keynesianismus während der Finanzkrise, wo die Ersteren meinten die Krise sei auf ein Staatsversagen, und die Letzteren meinten sie sei auf ein Marktversagen zurück zu führen. – Und beide Lager konnten beruhigt bei ihren schon immer vertretenen Ansichten verharren. Und in der Tat meinte dann Pascal Lamy auch: „Wir, die WTO, sind für die Marktöffnung, andere für die Regulierungen zuständig.“ – was auch wieder stimmt, aber eben nicht ganz richtig ist.

Dass die 21.-Jahrhundert-Themen wie Klimawandel mit an Bord genommen werden müssten bejahte er auf meine Frage hin. Aber ohne Systemwechsel.

Mir scheint, dass diese Einfachheit der Weltsicht, so sinnvoll ein Kompass in bewegten Wassern ist, den komplexen Problemen von heute nicht gerecht wird. Bei genauerem Hinsehen findet man sogar Möglichkeiten im WTO Recht, die im Sinne von einer erweiterten Sichtweise noch gar nicht voll ausgeschöpft sind. Aber es kommt auch auf das „Mindset“ an, wie später ein Panellist der zur WTO benachbarten Hochschule sagte. Und dieses „Mindset“ ist in der WTO bislang so, dass man hier und da gnädig Themen wie Klimawandel mit aufnimmt, aber als „Kann-Option“. Und dann werden diese Themen behandelt, wenn es passt.

Bei meinem Computer ist es manchmal so, dass wenn ich mich in zu schwierigen Operationen versteige, dass er dann irgendwann bestimmte Funktionen nicht mehr ausführt wie er soll. Dann ist ein gutes Mittel, viele Fenster zu schliessen und ihn neu zu starten, meistens geht es dann.

Nach den schwierigen und vor allem langwierigen Doha-Verhandlungen ist die Situation in der WTO fest gefahren. Pascal Lamy sagt, wenn man die Doha Runde für tot erklären würde, dann wären am nächsten Morgen die gleichen Probleme wie vorher auf dem Tisch. Das kann sein. Ich meine aber, wenn man sie mit einem frischen Mandat angehen würde, dann wären sie potentiell lösbar. Das frische Mandat müsste von den Mitgliedern gegeben werden und zwar so, dass die 21.Jahrhundert-Themen implizit mit im Mandat enthalten sind. Dann käme man auch vielleicht in einen abwägenderen Verhandlungsmodus, der den heute habituell verankerten Merkantilismus ablösen könnte (den man sonst auch nicht los wird). Wer weiss, dann bekommt man die Probleme vielleicht doch noch gelöst. Ich meine, es bräuchte ein neues Mandat der Mitglieder für die WTO!

Wie weiter mit der Doha Runde und der WTO?

Geschrieben am 28. Juli 2011 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Nachdem um Ostern 2011 deutlich wurde, dass der Abschluss der Doha Runde bei der 8. Ministerkonferenz Anfang Dezember 2011 nicht gelingen würde, war vorgeschlagen worden, wenigstens einen „early harvest“ (soweit man noch von „early“ sprechen kann, 10 Jahre nach Beginn der Runde) für die wenigst entwickelten Länder (LDCs) durchzubringen. Dazu würde vorderhand vor allem der „Duty free und quota free market access“ von Produkten der LDCs zu den Märkten aller Länder gehören. Aufgrund der Initiative einzelner Länder wie der USA sollten jedoch auch noch andere Themen „an Bord“ genommen werden, und zu einem so genannten „LDC Plus Package“ geschnürt werden. Schon zu diesem Zeitpunkt war zu ahnen, dass damit das Schiff wieder überladen sein würde. Und so hat sich jetzt zum Sommer hin heraus gestellt, dass weder das LDC Paket, noch das LDC Plus Paket eine Chance auf Konsens hat. Nun sollen primär alle Themen der WTO, die nichts mit der Doha Runde zu tun haben, und ein Fahrplan, wie nach der Ministerkonferenz mit der Doha Runde weiter verfahren werden soll, für das Ministertreffen vorbereitet werden.

An diesem Punkt angekommen stellt sich die Frage, wie es mit der WTO weitergehen kann und soll. Generaldirektor Pascal Lamy hat das diese Woche so ausgedrückt:

“What we are seeing today is the paralysis in the negotiating function of the WTO, whether it is on market access or on the rule-making,” said Mr Lamy. “What we are facing is the inability of the WTO to adapt and adjust to emerging global trade priorities, those you cannot solve through bilateral deals.”

Und Verhandler bzw. Botschafter einiger Mitgliedsländer fügten aus ihrer Sicht hinzu:

Some speakers warned that the WTO’s credibility is being undermined by the inability to reach agreement on Doha Round issues and on decisions that would benefit the world’s poorest countries, and by the “soap opera” of the Doha Round.

Members agreed with Mr Lamy’s call for “adult conversations” over the coming months on what to do next.

Pascal Lamy:

„I believe that we should keep in mind the strong feeling among many members that the development focus should continue to receive priority. I therefore urge you all to use the period of your summer break to reflect seriously and soberly about what is at stake here and to consult amongst yourselves and with your capitals.

We started this meeting on a sombre note (Norway). I do not think the conclusion looks much better. What we are seeing today is the paralysis in the negotiating function of the WTO, whether it is on market access or on the rule- making. What we are facing is the inability of the WTO to adapt and adjust to emerging global trade priorities, those you cannot solve through bilateral deals. …

I intend to conduct these conversation on a “without prejudice basis”, slowly building a shared platform from which the Ministers could have a well prepared discussion at MC8. A discussion that would clarify what Members expect from this organization. Moving, so to say, from the “negative list” of what you cannot do, to a “positive list” of what you intend to do.“

Hier wird deutlich, dass Pascal Lamy die Mitglieder der WTO (die 153 Länder) in ihrer Verantwortung anspricht, „ihre“ Organisation, die Mitgliederorganisation WTO, zu gestalten.

Da die Frage, wie die WTO organisiert ist, viele, oder fast alle Menschen auf der Erde beeinflusst (und nicht nur Regierungen), meine ich, sollte die Zivilgesellschaft an den Zukunftsplänen für die Organisation WTO mitdenken, und auch mitsprechen. Dabei gilt es im Bewusstein zu halten, dass von der heutigen Struktur her nur Mitglieder ein Gestaltungsrecht haben. Die Zivilgesellschaft muss also über die Mitglieder an die WTO gelangen, was nicht heisst, dass nicht allgemeine Verlautbarungen hörbar gemacht werden können und sollten.

Aber selten waren die Chancen grösser als heute, auf die Gestaltung der WTO Einfluss zu nehmen. Sie steht etwas ratlos da, da sie sich zunehmend als handlungsunfähig erweist. Immer mehr kommt den Beteiligten zu Bewusstsein, dass die WTO momentan mit einer Agenda des 20. Jahrhunderts, und nicht des 21. Jahrhunderts unterwegs ist. Gestern, beim Treffen des General Council in der WTO hiess es, dass z.B. Klimawandel und Food Security Herausforderungen wären, die neu – von der WTO – adressiert werden müssten.

Aber wie sollte das gehen? Die WTO war bislang als Liberalisierer, im Geist des Washington Konsens (vor allem: Privatisierung) unterwegs. Märkte immer freier zu machen, das war ihr Auftrag. Der Gegenpol zu den freien Märkten ist der Schutz, der Protektionismus, meist über Zölle, aber auch andere Regulierungen. In dieser Dialektik bewegt sich die Welthandels-Diskussion heute. Diese Diskussion hat sich fest gefahren. Seit Cancun 2003 wollen die Entwicklungsländer nicht mehr mitspielen bei Handelsvereinbarungen, die letztlich zu ihrem Nachteil hinauslaufen. Aber die entwickelten Ländern, allen voran die USA, bekommen in ihrem Kongress keine Handelsdeals durch, die nicht vorteilhaft für die US Wirtschaft sind. Dabei spielt keine Rolle, dass die USA in der Vergangenheit von allen deals überproportional profitiert hat. Was gilt ist das Heute, und die nächste Wahl z.B. im Weizen- und Baumwollerzeugerland Texas.

Dabei geht es aller Landwirtschaft, weltweit, „schlecht“. Im letzten Jahrhundert wurde vermutlich ein Drittel der fruchtbaren Ackerkrume, vor allem durch unangepasste Agrartechniken verloren. Auch der Klimawandel macht allen zu schaffen. Daneben gibt es nicht nur Arme in Entwicklungsländern, sondern überall nimmt die Ungleichheit zu. – Höchste Zeit also, zu gemeinsam getragenen Lösungen zu kommen, wobei die Handelsregeln eine zentrale Rolle spielen. Aber die alten Rezepte – Privatisieren, oder Sozialisieren – taugen nicht mehr, oder jeweils nur noch in Einzelfällen. Auch der Einzelstaaten-Egoismus, der durch die merkantilistische Tradition in der WTO gepflegt wird, wirkt angesichts der globalen Probleme überkommen.

Was es braucht ist ein neuer Ansatz, wie wir – als Menscheit – Handel miteinander verabreden wollen. Wie es keine wertfreie Wissenschaft gibt gibt es auch keinen “freien“ Handel – er macht immer grössere Minoritäten unfrei. Dis unsichtbare Hand des Marktes regelt nicht alles, das ist eine Binsenweisheit. Gleichzeitig führen sozialistische Konzepte in die Ineffizienz, und die Staaten befinden sich nahe der Schuldenfalle und können gar nicht mehr alle Funktionen erfüllen, die inen wohlmeinend zugedacht werden. Liberalismus ist gut – finde ich – er hat nur seine Werte verloren. Die lassen sich jedoch nicht einfach wieder herbeizaubern. Von zivilgesellschaftlicher Seite wird bei der WTO seit einiger Zeit mehr Kohärenz mit u.a. dem UN-Recht, wie der Menschenrechtscharta eingefordert. Daneben wird die Frage diskutiert, wie verantwortlich eigentlich Zwischenregierungsorganisationen wie die WTO gegenüber allgemein eingegangenen Verpflichtungen, wie den UN Milleniumszielen, oder gar ihren eigenen Präambeln sind.

Um zu einer neuen Handelskultur zu kommen braucht es meiner Ansicht nach eine WTO, die mehr zum Makler, oder auch zum Mediator wird, d.h. ein Ort, wo Handelsfragen miteinander besprochen werden – im Ausgleich und freien Spiel zwischen Liberalisierung (die es auch mal braucht), Protektion (die es ebenfalls mal braucht) und vor allem gemeinsamer Verabredung von stakeholdern im Sinne von participative approaches. Vielleicht sollten zukünftig nicht nur Regierungen in einem relativ demokratiefreien Raum bei der WTO beieinander sitzen, sondern vielleicht sollte die Organisation auch von der Privat- und Zivilgesellschaft getragen und mitgestaltet werden.

Im gegenwärtigen „Grenzstreit“ zwischen dem starken Frankenland Schweiz und dem schwachen Euroland wird die Situation schön ins Bild gesetzt: Immer mehr Schweizer kaufen im Euroland ein. Das ärgert den schweizer Detailhandel, weil er Umsatzeinbussen hinnehmen muss. Die Liberalisten raten nun den Detailhandel, doch auch vermehrt im Euroland einzukaufen, und die Preisvorteile an den Kunden weiterzugeben, und so wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Die schweizer Produzenten wettern dagegen, da sie dann preislich unter Druck geraten. „Gut so“ sagen die Liberalisten, die Landwirtschaft solle sowieso aus ihrer Geschützte-Werkstatt-Mentalität rauskommen. – Die Situation scheint festgefahren (wie bei der WTO). Nun schlägt jedoch die Schweizerische Stiftung Konsumentenschutz vor, einen Runden Tisch einzuberufen, wo alle stakeholder eingeladen werden. – Diese Situation scheint mir auch bei der WTO vorzuliegen. Es braucht sozusagen einen grossen – und ich vermute sogar permanenten – Runden Tisch bei der WTO, oder besser noch – da die Konlikte andauern werden – die WTO selber als Runden Tisch.

Entsprechende Vorschläge müssten nun von den Mitgliedsländern kommen. Dafür ist Zeit – wenn sie denn für das Ministertreffen Anfang Dezember wirksam sein sollen – bis Ende September, da dann die Tagesordnung für das Ministertreffen im Dezember gemacht wird. In Europa bündeln sich die Stimmen der europäischen Mitgliedsländer der WTO bei der EU, die die Mitgliedsländer bei der WTO vertritt.

Das “window of opportunity” zum Abschluss der Doha Runde droht sich zu schliessen

Geschrieben am 19. April 2011 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Die bisherigen Blogs haben sich um den Abschluss der Doha Runde gedreht. Hier will ich fortsetzen. Meine Eindrücke und Informationen habe ich aus allem möglichen Quellen, aber auch durch die Teilnahme an den regelmässigen Briefings in der WTO.

Zur Zeit ist eine ziemliche Unruhe zum Einen bei der WTO selber, und zum anderen bei den Experten im Umkreis der WTO, die den Prozess verfolgen. 2011 war ja als „window of opportunity“ ausgerufen worden, um die Runde doch noch abzuschliessen. Dieses Fenster der Möglichkeit droht sich gerade wieder zu schlieβen. Zum Einen kann sich innerhalb der Sektoren – Landwirtschaft, NAMA (Non Agricultural Market Access), Services – nicht geeinigt werden, aber auch der Austausch zwischen den Sektoren kommt nicht ordentlich in Gang. Schnell drängt sich die Frage auf: wer ist schuld? In 2008, bei dem letzten Zwischen-Scheitern der Runde standen schnell die USA und Indien als die „Schuldigen“ fest. Im Moment bemüht man sich bei der WTO darum, noch nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Dass das dem Verandlungsklima nicht förderlich ist, hat man über die Jahre gelernt. Aber wenn man einen roten Kreis um den Ort der Entscheidung ziehen müsste, die meisten würden ihn um den Kongress in Washington ziehen. Auch wenn Amerika relativ gesehen an Bedeutung im Welthandel verloren hat (China ist letztes Jahr an Japan vorbei gezogen und ist jetzt Nr. 2), so gilt immer noch, dass ohne die USA multilateral auf dieser Erde nicht viel geht.

Als die Doha Runde 2001 ins Leben gerufen wurde, standen alle unter dem Schock von 9/11. Deswegen sollte die Doha-Runde auch eine „Entwicklungsrunde“ werden, um dort den Frieden zu erhöhen, wo die Probleme zu liegen schienen. Nach dem Irak-Krieg ist diese Stimmung aber so nicht mehr da. Die Entwicklungsländer sind auch forscher geworden (China ud Brasilien gelten bei der WTO heute noch als Entwicklungsland). Sie fordern zunehmend ihre Rechte ein. Dem auf Wachstum getrimmten Westen fällt es aber schwer, Zugeständnisse zu machen. Er hat zwar von allen vorherigen Handelsrunden überproportional profitiert, aber wie sollen demokratische Regierungen ihren Volksvertretern in den Parlamenten klar machen, dass jetzt mal die anderen dran sind? Amerika droht in der Bonität von AAA herunter gestuft zu werden, weil die Auslandsschulden so groβ sind. Der Internationale Währungsfonds drängt Amerika, die Ausfuhren zu erhöhen, da die Handelsilanz negativ ist. Fernsehsender zeigen, dass in normalen amerikanischen Wohnungen nicht viel drinnen bleibt, wenn man alle Produkte, die nach Amerika importiert wurden, rausräumt. Daneben nagen knapp zehn Prozent Arbeistlose an den Sozialsystemen. – Das sind die Eindrücke, die im Kongress leben. Und da soll er einer Handelsrunde zustimmen, die keine schnell vorweisbaren Vorteile für Amerika bringt? Im Kongress sitzen mehrheitlich Republikaner. Einige von ihnen wollen vor allem eins: eine zweite Amtszeit von Obama verhindern. Selbst wenn der Abschluss der Doha Runde Vorteile für Amerika brächte, sie wären schon alleine deswegen dagegen, um Obama den Erfolg nicht zu gönnen.

Europa wäre zwar von sich aus zu mehr Konzessionen bereit, schielt aber auch nach Amerika, das burschikos genug ist, mögliche Landgewinne im Handel sofort für sich auszunutzen. Und der Rest der Welt hat genug davon, immer übervorteilt zu werden – also ist Stau bei der WTO.

Als Beobachter des Prozesses bin ich zweigeteilt. Käme die Doha Runde so zustande, wie die Vorschläge jetzt auf dem Tisch liegen, sie brächte den Entwicklungsländern zu wenig. Sie verlören sogar noch an Gestaltungsspielraum. Andererseits sind sie bei den vielen bilateralen Verträgen, die seit Doha rechts und links von der Runde geschlossen werden, immer die Schwächeren. Nur das multilaterale Regelwerk der WTO sichert ihnen eine hörbare Stimme. Die WTO wird mit einem Scheitern der Doha Runde nicht untergehen. Aber das multilaterale System würde geschwächt. Insofern steht in historischer Dimension etwas auf dem Spiel. Im Moment habe ich weiter die Tendenz, für den Abschluss der Doha Runde zu sein. Da hatte man sich etwas vorgenommen, das soll man abschliessen. Aber man sollte sich jetzt schon überlegen, was man danach anders machen will. Dazu versuchen wir jetzt schon von zivilgeselslchaftlicher Seite Vorschläge zu machen. Zum Beispiel zur Landwirtschaft.

Verzögerungen bei dem Versuch, die Doha Runde in 2011 abzuschliessen

Geschrieben am 24. Februar 2011 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Wie im letzten Blog Anfang Dezember berichtet, gibt es neue Hoffnung zum Abschluss der Doha Runde. Der Fahrplan sieht wie folgt aus: Bis Ostern sollen die Unterhändler hier in Genf die Entwürfe für die Texte stehen haben. Dann gehen die Texte in die Länder, wo sie bis Sommer überarbeitet werden sollen. Dann gehen sie auf die Ministerbene, die dann im Dezember entscheiden sollen.

Bislang, Ende Februar, sind die Gespräche der Unterhändler noch nicht richtig in Schwung gekommen. Pascal Lamy als Director General der WTO hat alle Mitgliederdelegationen eindringlich angemahnt das Tempo zu erhöhen, sonst könnte sich das „window of opportunity“ wieder schliessen. Nahe Beobachter des Prozesses meinen hier und da neue Töne zu hören, was den Schluss nahe legen könnte, dass hinter den Türen verhandelt wird… . Nun, wollen wir mal hoffen.

Noch mehr Hoffnung auf einen Abschluss der Doha-Runde

Geschrieben am 2. Dezember 2010 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Die Unterhändler der Mitglieder der WTO (153 Staaten) haben die Signale des G20 Gipfels und der APEC vom November in Japan, die Doha Runde zum Abschluss bringen zu wollen, sehr begrüsst. Bei ihrem Treffen am 30. November in der WTO war die einhellige Mei rbcroyalbank.com nun g, dass damit rbcroyalbank.com nun ein „window of opportunity“ für einen Abschluss der Runde in 2011 aufgestossen sei. Mehr noch, es überwiegt die Stimmung eines „Now or Never“.

Nun muss das „final package“ geschnürt werden – d.h. die Verhandlungstexte müssen in den einzelnen Rubriken – Landwirtschaft, NAMA (non agricultural market access), … – fertig geschrieben werden, damit die trade offs (Tauschhandel) im „give and take“ zwischen den einzelnen Sektionen schlussendlich erfolgen können. Die Verhandler haben nun untereinander dazu aufgerufen, die Verhandlungen unter Beachtung von Transparenz und „Inclusiveness“ intensiviert fortzusetzen.

Umso entscheidender wird es nun sein, ob man sich auf ein gemeinsames Verständnis von „ 4seohunt.com/www/www.nexus-foundation.net Entwicklung “, bzw auf gegenseitige Toleranz der Bilder von Entwicklung – nämlich entweder mehr „Flexibilisierung“ oder mehr „Markt“ wird einigen können. – Wird man den USA etwas mehr „market access“ anbieten können, das sie „nach Hause tragen“ können? Dürfen die Entwicklungs- bzw. Schwellenländer die Vorteile eines etwas höheren Schutzes, um ihre Volkswirtschaften noch etwas weiter zu entwickeln, aufrecht erhalten?

Es geht auf jeden Fall beim Abschluss der Runde auch um die Systemstabilisierung des multilateralen Handelssystems überhaupt – und um seine Glaubwürdigkeit.

2. November – Es gibt Hoffnung bei der WTO auf einen Abschluss der Doha Runde

Geschrieben am 3. November 2010 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Am 2. November fand ein Workshop, veranstaltet von der WTO, der Weltbank und dem International Centre for Trade and Sustainable Development (ICTSD) zum Stand der Doha Runde bei der WTO statt. Es nahmen schätzungsweise 350 Personen teil.

Über den Tag kamen verschiedene Redner und Gastreferenten zu Wort, um im Wesentlichen Nutzen und Kosten einer abzuschliessenden oder nicht abgeschlossenen Doha-Runde zu analysieren. Gleichzeitig wurde zu Anfang darauf hingewiesen, dass es nicht nur die „numbers“ wären, die Wirklichkeit abbildeten; diese sei komplexer („there are other benefits and gains as well“), und das wolle man den Tag über nicht vergessen.

Die vorgestellten Analysen spielten die verschiedenen Szenarios durch, welches Land von welcher Massnahme aus den verschiedenen Verhandlungs-Paketen wie betroffen wäre. Grob zusammengefasst kann man sagen: Ein Abschluss der Doha-Runde würde in den entwickelten Ländern weniger, in den Entwicklungsländern mehr Arbeitsplätze in der Landwirtschaft schaffen. Momentan benachteiligt wären Länder wie Mexiko, Nord- und Subsahara-Afrika insofern, als sie die Vorteile des präferierten Marktzugangs verlören. In diesem Zusammenhang war ein Beitrag des Botschafters aus Mauritius interessant, der aufzeigte, dass man ohnehin eine nachhaltigere Lösung als die Regel des präferierten Marktzugangs bräuchte.

Während der OECD-Vertreter das Lied der freien Märkte sang (der Staat schreite nur ein bei Marktversagen) waren die Beiträge von der Weltbank in diesem Fall differenzierter. Sie fokussierten auf dem Aspekt der „regulatory cooperation“, d.h. der staatenübergreifenden Zusammenarbeit bei Regeln.

Liegt zuwenig auf dem Tisch, um den Doha-Runden-Abschluss attraktiv genug erscheinen zu lassen? Schätzungen zufolge erhöht sich das Welt-Bruttosozialprodukt bei erfolgreichem Abschluss der Doha-Runde nur um ca. 1,3 Prozentpunkte. Nein, es stünde ja viel mehr an, warf ein Sprecher der UNCTAD ein: weniger Diskriminierung, Vorteile bei der Erreichung der Millenium Development Goals und überhaupt freierer Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Auch die Umwelt profitiert von besserer Faktor-Allokation – so zumindest die vorgestellte Theorie.

Die Zeit schreitet aber fort. Gab es im Jahr 1996, also zu Beginn der WTO-Zeitrechnung, noch 112 regionale Handelsabkommen, so sind es heute schon 300. Einzelne dieser Abkommen, so ein Beitrag der Weltbank, gehen schon deutlich über die Anforderungen der Doha-Runde hinaus.

Zum Ende des Tages wurde immer deutlicher, wo sich die verschiedenen Gruppen noch bewegen müssen: Der Norden solle weniger Subventionen für die Landwirtschaft zahlen, die „emerging countries“ sollten ihre Märkte weiter öffnen und die am wenigsten entwickelten Länder nicht noch immer mehr Flexibilitäten fordern…

Was auf dem Tisch liegt ist nicht überwältigend, aber doch signifikant. Die Kosten der Implementierung wären nicht so hoch. Zumindest viel niedriger, als was der Nicht-Abschluss der Doha Runde laufend kostet… Im Gegensatz zu dem „Schlachtruf“ der Entwicklungsländer von Cancun in 2003 „no deal is better than a bad deal“ könnte man heute vielleicht eher „a less ambitious deal ist better than no deal“ sagen, so ein nachdenklicher Vorsitzender des ICTSD. Man könne, und müsse ja ohnehin nach dem Abschluss der Doha-Runde weiter verhandeln. Man müsse angesichts der heutigen Herausforderungen wie Klimawandel etc.. ohnehin auf andere Verandlungsmodi umschalten. Der bisher verfolgte Verhandlungsansatz wie der „single undertaking approach“ wäre nicht mehr zielführend.

Die Doha Runde müsse jetzt bald zum Abschluss kommen. Es ginge mittlerweile auch um die Glaubwürdihkeit der WTO (so die OECD), und der Prozess sei eben so wichtig wie die Substanz (ICTSD).

Die Abschlussrunde des Tages wurde vom Director General Pascal Lamy persönlich geleitet. Er hatte die führenden Botschafter (EU, USA, Brasilien, Indien, China, LDCs …) eingeladen, aus ihrer Sicht zum Abschluss der Doha-Runde Stellung zu nehmen. Mehr oder weniger alle Botschafter sagten, es wäre noch etwas zu tun. Alle betonten, wo sie schon Zugeständnisse gemacht hätten und wo die anderen noch Zugeständnisse machen müssten. Also das relativ normale Szenario. Was dann aber doch durchkam war eine gewisse Klarheit: Man ist so weit gekommen wie man jetzt ist. Weitere Zugeständnisse müssen einem „abgekauft“ werden. – Vielleicht setzt sich ja die Haltung der Chinesen durch, deren Botschafter zu einem pragmatischen Vorgehen – man könne nicht alles haben – riet. Fast berührend war, dass von fast allen Botsachaftern zum Schluss Versöhnliches kam – man müsse sich jetzt einen Ruck geben, um zum Abschluss zu kommen. Was es jetzt bräuchte wäre ein starkes Signal der Leaders vom G20 im November….

Auch der anschliessende Empfang war von einer gewissen Wärme getragen. – Man kann glaube ich leicht hoffen, dass es in 2011 zu einem Abschluss der Runde kommen wird. Ich glaube es wäre allen zu wünschen.

13. Oktober – EU und Hungerbekämpfung

Geschrieben am 17. Oktober 2010 von Nikolai Fuchs . 1 Kommentar

Immer wieder hört man, dass die EU mit ihrer Agrarpolitik Teile des Hungerproblems in den Entwicklungsländern erzeuge. Das interressiert mich genauer. Also folge ich einer Veranstaltungseinladung nach Berlin von Misereor, Germanwatch und der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) mit dem Titel: „Wer ernährt die Welt? Die Europäische Agrarpolitik und Hungerbekämpfung in Entwicklungsländern – ein Widerspruch?“

Auf der Hinfahrt lese ich unter anderem eine Kurzfassung des Buches „Agricultural Subsidies in the WTO Green Box: Ensuring Coherence with Sustainable Development Goals“, verfasst vom International Centre for Trade and Sustainable Development. Dieses Buch untersucht, ob die so genannten „Green Box“- Maβnahmen im Rahmen der WTO – also die staatlichen Unterstützungsmaβnahmen (Subventionen), die den Landwirten für Umweltmaβnahmen gezahlt werden, nicht doch auch – für die Entwicklungsländer nachteilige – „mehr als minimale“ marktverzerrende Wirkungen haben. Und in der Tat: mehrere Studien belegen, dass der einkommensstützende Effekt der pauschalen Flächenzahlungen – „für allgemein höhere Umwelt- und Tierschutzstandards als im Rest der Welt“ wie es im EU-Jargon heisst – den Landwirten ermöglicht, ihre Produkte zu insgesamt niedrigeren Preisen auf dem (Welt-)Markt anzubieten, als es ohne diese Subventionen der Fall wäre. Diese so künstlich verbilligten Produkte gelangen dann auf die Märkte der Entwicklungsländer und schmälern dort den örtlichen Produzenten die Marktchancen. Dieser Effekt kommt auch dadurch zustande, dass die pauschalen Flächenzahlungen den groβen Betrieben mehr zugute kommen – 80% der Förderungen beziehen 20% der Betriebe. D.h bei den kleinen und mittleren Betrieben kommt im Verhältnis zum Bedarf und zu den erbrachten Umweltleistungen zuwenig an. Insofern werden durch diese Subventionen beide geschädigt: die kleinen und mittleren Betriebe in den Entwicklungsländern und den entwickelten Ländern. Profitieren tut nur in geringem Maβe die Umwelt, und in hohem Maβe Groβbetriebe und Grundbesitzer.

So vorbereitet komme ich auf der Konferenz an. Dort liegt neben der Kommentierung der zukünftigen EU Agrarpolitik der Ökolandbauverbände auch eine Stellungnahme der Entwicklungsorganisationen „Forum Umwelt und Entwicklung“ aus. In dieser Stellungnahme wird sehr kritisch auf die Hauptorintierung der EU Agrarpolitik „Wettbewerbsfähigkeit“ geblickt. Denn diese gelänge – im Wettbewerb mit Neusiedlungsgebieten beispielsweise in den Savannen Nord- und Mittalamerikas – in Europa nur auf Kosten der Umwelt und des Sozialen. Während die EU antritt, sich am weltweit zunehmenden Nahrungsmittelbedarf zu beteiligen betont das Papier, dass es häufig die Agrarexporte sind, die es den bedürftigen Ländern erschweren, eine eigene Produktion nachhaltig aufzubauen. In dem Papier wird folgerichtig herausgestellt „Es ist nicht die Aufgabe unserer Land- und Ernährungswirtschaft, die Welt zu ernähren.“ Daneben müsse man ins Auge fassen, dass Europa sich eigentlich nur so gerade eben selber ernähren könne, wenn man abzöge, dass viele Überschüsse nur produziert werden könnten, weil billig Futtermittel aus den Entwicklungsländern importiert würden. Mit den Futtermittelimporten wird Ackerland in den Entwicklungsländern belegt (nicht selten Neu-Rodungsflächen), und dann werden mit den „veredelten“ tierischen Produkten in den Entwicklungsländern die Märkte wieder geflutet. … Die Vorschläge für eine neue EU Agrarpolitik orientieren sich an dieser Kritik.

Auf der Tagung zeigt sich die Staatssekretärin des Bundesministeriums für Wirtschaftliche zusammenarbeit BMZ Grudrun Kopp (FDP) überraschend einsichtig. An den oben angesprochenen Kritikpunkten müsse ernsthaft gearbeitet werden, und sie sei dazu bereit. Dagegen verteidigte Leonard Mizzi von der Generaldirektion Landwirtschaft in Brüssel die EU-Agrarpolitik. „Wir sollten nicht so selbstkritisch sein.“ Er wartet mit Daten auf, die belegen, dass und wo die EU entwicklungshilfe-freundlich agiert, und vor allem, dass die EU Angebote mache, die die Entwicklungsländer aber leider nicht aufgriffen („sorry, no capacities“) … Dazu, wie um der latenten Kritik an der EU zu begegnen, hat er eine neue Broschüre seiner Generaldirektion mit „How the EUs agriculture and development policies fit together)“, in der Kommissar Ciolos betont, an wievielen Stellen die EU entwicklungsfreundlich handele. …

In der Pause räumt Leonard Mizzi mir gegenüber dann ein, dass an der Stelle Zolleskalation (also dass heute die EU-Zölle mit dem Verarbeitungsgrad steigen, was die Entwicklungsländer eher zu Rohstoffexporteuren macht) etwas zu machen wäre.

Korotoumo Gariko, eine Klein-Milcherzeugerin aus Burkina Faso bestätigt in ihrem Bericht, wie die Milch-Importe aus der EU ihr das Leben schwer machen.

Sehr differenziert geht Nitya Ghotge aus Indien auf das Thema ein. Während die Grüne Revolution – ja – etwas gebracht hätte, wäre der positive impact allerdings nur auf den fruchtbaren Standorten mit gleichmäβem Klima eingetreten – was auf einem Drittel des indischen Landes zutreffe. In den zwei Dritteln benachteiligter Standorte hätte die Grüne Revolution nicht gegriffen. Die so genannte „Weisse Revolution“ hätte bis 1992 unter dem Slogan „the taste of India“ viele Kleinbauern in die Milchproduktion gebracht. Danach wäre Indien zur Öffnung der Grenzen angehalten worden (ich vermute im Zuge der WTO Uruguay Round), was zu einem totalen Marktumbau geführt hätte – Hochleistungskühe mit zur Ernährung der Menschen konkurrierenden Futteransprüchen, und nur noch einige wenige Hochleistungsmolkereien… Auch in Indien würde heute das Lied der Wettbewerbsfähigkeit gesungen… Ressourcen wie Wasser werden heute überproportional in Exportprodukte gesteckt… Aus Nitya Ghotges Sicht ist nicht die Frage, „Wer ernährt die Welt“, sondern „Wie sollte die Welt ernährt werden“. Und: „We do not want industrialized farming!“.

Dr. Dietrich Guth vom Bundeslandwirtschaftsministerium stellte aufgrund von Zahlen und Grafiken dar, inwieweit sich Deutschland in der jüngeren Vergangenheit darum gekümmert hätte, dass marktverzerrende Maβnahmen abgebaut würden. Es ginge darum, dass die Regierungen in den Entwicklungsländern ebenfalls handeln würden. Dazu gehörten vorrangig Investitionen in Infrastruktur …

Graefe zu Baringdorf, der Vorsitzende der ABL, gab zum Schluss noch Nachhilfeunterricht in Sachen Politik: Es ginge nicht darum, was vernünftig sei. Es ginge lediglich um Interessen. Diese müsse man durchsetzen können. Was wirken würde, wäre wirtschaftlicher Druck oder Strafe.

Das Fazit: Das Handeln der EU auf der Weltbühne scheint widersprüchlich: Neben gutem Willen und einigem bemühen stehen die faktischen Auswirkungen der die europäische klientel schonenden Politik. Und natürlich: wenn die entwicklungsländer besser ihre Hausaufgaben machen würden, könnte die EU auch kohärenter agieren. Aber manchmal scheinen die Entwicklungsländer schlicht nicht in der Lage zu sein, ihre Hausaufgaben machen zu können. – Und was soll die EU dann tun? Sie könnte auch heute schon kohärenter handeln, so Armoin Paasch von Misereor. Halten wir EU-Bürger sie dazu an!

Insgesamt zeiget sich Mizzi von der EU offen für neue Vorschläge, z.B. die Behandlung der Landwirtschaft in der WTO betreffend. Wir sollten schnell mit guten Vorschlägen kommen, um sie in die Verhandlungen der G20, bzw. G8 unter französischer Präsidentschaft einzubringen …

In der Woche zuvor sind die neuen Pläne des EU Agrarkommissars Ciolos für die gemeinsame Agrarpolitikik nach 2013 bekannt geworden. Demnach sieht er eine Kappung der Zahlungen für groβe Betriebe vor. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. – Ob dieser Vorschlag den zu erwartenden heftigen Lobbyattacken standhalten wird? Selbst wenn Studien zeigen, dass die Subventionen letztlich den Eigentümern von Land und anderen Resourcen zukommen – es wird wohl viel Energie brauchen, um dieses System zu verändern. Während in Ländern wie der Schweiz, wo es ohnehin kaum Groβbetriebe gibt, die Kleinen tatsächlich von der Einkommensstützung profitieren, greifen in der EU wenige Groβbetriebe die Masse der Zahlungen ab. Da die Groβen in der Regel recht gut organisiert sind, ist mit ordentlich politischen Widerstand gegen Reformen zu rechnen. Daneben machen sie sich die Argumentation zum Erhalt der Subventionen, beispielsweise der Schweiz, zu eigen. Offiziell treten sie für Kleinbauern, Multifunktionalität und Umwelt ein, und profitieren hintenherum von dieser Strategie. Der Deutsche Bauernverband als einer der gröβten Lobbyisten gegen Reformen merkt diese Instrumentalisiereng nicht, oder er merkt es, und hintergeht seine kleinen Mitglieder.

Nun, das Verhandlungsfenster ist offen. Es wäre gut, Ciolos würde nochmal das Positionspapier der Forums Umwlt und Entwicklung lesen. Und mit Frau Kopp vom BMZ lisse sich sicher etwas machen. Auch mit Herrn Mizzi sollte man nochmal sprechen.

15. – 17. September WTO Public Forum

Geschrieben am 21. September 2010 von Nikolai Fuchs . 1 Kommentar

Jedes Jahr seit etwa acht Jahren veranstaltet die WTO ein Public Forum, wo in den Räumen der WTO von verschiedenster Seite Fragen, die mit dem Welthandel in Verbindung stehen, behandelt werden. Dieses Jahr ist das Thema „The Forces Shaping World Trade“. Für mich kommt dieses Forum wie gerufen, da es mir die Möglichkeit gibt, intensiv mit dem Thema und den Menschen Bekanntschaft zu machen.

Es ist früh am morgen als ich zur WTO aufbreche. Es werden bis zu 800 Menschen erwartet, die Schlangen vor dem Sicherheitscheck werden sicher lang. Am Bahnhof ist das Forum schon durch Beflaggung angekündigt. Auch das Coinstar Money money order WTO Gebäude, das Centre William Rappard, ist von einem grossen Banner geschmückt. Das frühe einchecken lohnt sich, denn sicherheitsmässig wurde stark aufgerüstet (sogar mein Mini-Schweizer Taschenmesser musste ich abgeben). Gleichwohl, es bleibt viel Zeit in der Cafeteria, um mich vorzubereiten.

Die Konferenzmaterialien sind professionell gemacht; überhaupt zieht sich das Design der Tagung durchs ganze Haus, Banner hängen in jedem Konferenzraum und selbst die Bildschirmschoner, die während der Präsentationen auf den Leinwänden erscheinen, sind im Konferenzdesign gehalten.

Neben der Begrüssungssession im Plenum wird es über drei Tage 41 Workshop-Sessions geben, meist vier Parallel, so dass man aussuchen muss in welche man gehen möchte. Zu den workshops haben die unterschiedlichsten Gruppen, oft partnerschaftlich, eingeladen – WTO Unterdivisionen, sowie intergovernmental Organsiationen wie die FAO, aber auch relativ breit NROs. Klassischerweise führt der Einladende in die Session ein, dann gibt es etwa vier 10 minütige Statements von eingeladenen Rednern, dann Diskussion mit dem Plenum. Anfang und Ende ist mehr oder weniger fliessend, Pünktlichkeit wird nicht so hoch gehalten.

Die Anfangssession ist relativ ähnlich aufgebaut mit der Besonderheit, dass Pascal Lamy, Director General der WTO referiert. Er votiert dafür, dass die Handelsregeln neu austariert werden müssen. Das sei schon schwierig genug. Nimmt man noch die Herausforderungen wie den Klimawandel hinzu, dann hiesse das, dass man sogar noch höhere Berggipfel erklimmen müsste …. Aber die Aufgaben für die WTO seien klar, zumindest kurzfristig.

Die erste Session die ich besuche („Lunch-Session“, d.h. Statt Mittagessen (was sich später noch mit einer Migrände-Attacke rächen soll), ist dann auch schon gleich über nachhaltige Landwirtschaftspraktiken und WTO-Regeln. Der Referent über nachhaltige Landbaupraktiken ist jedoch kein Vertreter der Öko-Landbaurichtungen (diese sind hier gar nicht vertreten), sondern ist von der NGO „Christian Aid“. Es ist interessant, andere über nachhaltige Landbaupraktiken referieren zu hören. Vielleicht ist es ja sogar besser, als wenn jemand „pro domo“ spricht. Auf jeden Fall ist es interessant für mich, als Zuschauer diese Szene mit zu erleben.

Die Themen der Sessions sind natürlich gemischt; aber ein Thema, das sich durchzieht, ist das Thema „coherence“. – Können die Handelsregeln nicht besser mit anderen staatlichen Verabredungen, wie dem Recht auf Nahrung, abgestimmt werden?

Hierzu wurde dann einiges sichtbar, was auch über das Selbstverständnis der WTO Auskunft gibt: Zunächst einmal, so der Vertreter der EU bei der WTO John Clark, sei Handel kein Menschenrechts-Thema. Und in diesem Fall bekam er auch Rückendeckung aus Indien: Indien würde keinen Vertrag mit einer Sozial-Bindung unterschreiben. Denn wenn man so viele Arme im Land wie Indien hätte, dann gälte noch die alte Regel, dass ein schlechter Job besser als gar keiner wäre. Und wäre nicht Kinderarbeit besser als Kinderprostitution (in die die Kinder u.a. getrieben würden, wenn sie ihre Arbeit verlören)? Natürlich würde aber auch die WTO lieber in Übereinstimmung mit den verschiedenen Rechten arbeiten. Aber wie der Beitrag Indiens deutlich macht, ist das gar nicht so leicht, da die Länder an unterschiedlichen Stellen, bzw. Organen wie UNO und WTO unterschiedliche Positionen vertreten. Und so sagt die WTO, dass das Problem der Nicht-Übereinstimmung vor allem in den Ländern selbst gelöst werden müsse… Sie bittet die Länder, ihre Verhandlungen mit ganz weit geöffneten Augen zu führen…

Hatten die Entwicklungsländer das Scheitern der Gespräche um die Doha-Runde in Cancun noch gefeiert („wir wollen endlich ernst genommen werden“ und „kein Abschluss ist besser als ein schlechter Abschluss“) sind sie es jetzt, die, inklusive China, einen Abschluss der Doha-Runde mehr wünschen, als der Norden. Denn eines ist deutlich: die Zahl der bilateralen Verträge hat seit Cancun stark zugenommen. Der Nachteil der bilateralen Verträge ist, dass in der zweier-Verhandlung der Stärkere in der Regel den Takt vorgibt. Das gilt auch für den Handel von Entwicklungsländern untereinander. So hat zum Beispiel China, das immer noch als Entwicklungsland gilt, allein ein etwa acht mal so grosses Handelsvolumen wie alle 49 am wenigst entwickelten Länder (least developed countries, LDCs) zusammen. Klar, dass China in den Verhandlungen mit diesen Ländern den Ton angibt. Allerdings gilt momentan die Faustregel, dass die restriktivsten bilateralen Verträge von den USA gefolgt von der EU und dann den BRIC (Brasilien, Indien, China)-Staaten ausgehandelt werden. Allerdings gibt es auch die andere Wahrheit: So sind manche Freihandelsabkommen, z.B. das gerade in Abschluss befindliche zwischen Columbien und der EU schon sehr viel weiter entwickelt was z.B. die Berücksichtigung von Biodiversität angeht, als es die Standard-Verträge der WTO wären. – Wie meistens bei den Handelsfragen ist die Wahrheit also sehr komplex.

Auffällig war für mich, wie viele Redebeiträge darauf hinwiesen, dass Landwirtschaft anders zu behandeln wäre wie Industrie, bis hin zu der wiederholt geäusserten Meinung, die Landwirtschaft ausserhalb der WTO zu behandeln. Friedensstiftende Vorschläge in diese Richtung waren zum Schluss hin, ob es nicht ein Dachorgan geben könnte, wo über alle Rechte hinweg das Thema Lebensmittel behandelt werden könnte, wie es das CSF – Committee on Food security heute schon darstellt…

Viele weitere Ideen wurden vorgestellt, deren Darstellung hier den Blog sprengen würden. Die vielen interessanten Menschen, wie z.B. Oliver de Schutter, Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, kann man gar nicht alle aufzählen. Interessant war mich aber vor allem zu erleben, wie einzelne Mitarbeiter der WTO, aber auch anderer Zwischenregierungsorgansiationen mit viele Herz bei der Sache sind. Das gibt einem als zuhörer gleich ein ganz anderes Gefühl des Vertrauens.

Ich sitze auf der Dachterasse beim Restaurant der WTO, mein Blick schweift über den See und ich reflektiere die drei Tage zurück. Eindrücklich ist mit welcher Ernsthaftigkeit und Gutwilligkeit, ja persönlichem Engagement die Themen behandelt wurden. Wenig Selbstdarstellung, viel Sache. Es ist auch nicht so relevant, ob ein „die da oben“ hören. Man verhandelt die Sache mit denen die da sind. Man will vor allem voneinander lernen. Viele Beiträge behandelten die Frage, ob und wohin sich die WTO entwickeln soll. Da galten kaum Tabus. Offensichtlich herrscht aber gar nicht die Erwartung, dass die WTO diese Vorschläge sofort umsetzt – man hat ja gelernt aus der Vergangenheit, und den schleppenden Entwicklungen. Aber der Wert so eines Treffens kann darin liegen, dass man sich gegenseitig verständigt, dass man Betroffenheiten wahrnimmt, dass die WTO erlebbar wird und ihre Mitarbeiter ein Gesicht bekommen, dass also die ganze Materie irgendwie menschlicher wird. Und natürlich, wie auf allen Konferenzen, lernt man sich gegenseitig kennen, und ggfs. schätzen. Für mich als „Gast“ war es eine enorme Chance den Stand der Dinge aus so vielen Perspektiven beleuchtet zu bekommen, quasi auf dem Tablett serviert. Ich brauchte mich nur hinsetzen und zuhören. Das ist natürlich unglaublich wertvoll. In jeder Session habe ich etwas Wesentliches gelernt. Viel Zeit für Gespräche war nicht, aber es wurden viele Karten ausgetauscht, und wer weiss, vielleicht wird ja aus dem Einen oder anderen Kontakt etwas…

Beim Vorbeizug der ganzen Themen und Menschen über die drei Tage, bei zwar Konzentration aber trotzdem auch lockerer Seele, die auf das Aufgenomene reagieren darf, begannen sich anfänglich Bilder, oder besser: innere Gestalten zu bilden, wie und wo ggfs. zukünftig angesetzt und fortgesetzt werden kann. Das muss sich aber noch konkretisieren und verdichten, muss modelliert und auch ggfs. (durch andere) korrigiert werden, auf jeden Fall ist es zu früh um es auszusprechen. Ich gehe reich bedient, um nicht zu sagen beschenkt von der Konferenz weg. Die Aufgabe ist klar, wenngleich die nächsten Schritte in der grossen Komplexität vorsichtig gesetzt sein wollen.

20. August – Jahreskonferenz der schweizer Entwicklungszusammenarbeit

Geschrieben am 20. August 2010 von Nikolai Fuchs . Kommentar schreiben

Heute war die Jahreskonferenz der schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Basel. Viele Menschen sind der Einladung der zuständigen schweizer Departemente gefolgt, ich schätze die Zahl auf 800.
Die Schweiz gibt heute knapp 0,5 des BIP für Entwicklungshilfe aus, das ist zwar weniger als die allseits geforderten 0,7%, aber dennoch gilt die Schweiz in vielen Entwicklungsprojekten als wegweisend. Sie hat sich beispielsweise auf 12 Kernländer ihrer Aktivitäten konzentriert, um dafür aber die Hilfe enger betreuen zu können.
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3. August

Geschrieben am 3. August 2010 von Nikolai Fuchs . 1 Kommentar

Heute hatte ich den ersten offiziellen Termin in der WTO! Der – in meinen Worten – „Verbindungsoffizier“, den ich auf einer Veranstaltung in Berlin im Januar getroffen hatte, hatte dort eine Einladung ausgesprochen. Der war ich nun gefolgt, und so mache ich mich morgens auf den Weg zur WTO. Noch muss ich das mit den richtigen Buslinien, den richtgen Knöpfen am Ticket-Automaten in Genf lernen… Aber rechtzeitig stehe ich vor dem Tor und schicke mich an in das Gebäude zu gehen, von dem so viel Geheimnisvolles ausgeht. Das Anmelde-Häuschen würde jedem Ein-Sterne-Campingplatz zur Ehre gereichen, das ist also sicher nicht überkandidelt. Am Eingang des Gebäudes dann schon Sicherheitsbeamte, aber auch freundlich und zuvorkommend, keine Misstrauensatmosphäre wie z.B. am Kennedy Airport in New York. Das Gebäude liegt in einem öffentlichen Park direkt am Seeufer, und eine Freundin, mit der ich das Gebäude vor zwei Wochen schonmal umstrich, war verwundert, wie wenig Sicherheits-Theater darum gemacht wird – wenig im Verhältnis zu den öffentlichen Anfeindungen, denen sich die WTO ja durchaus ausgesetzt sieht.
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