Rundbief “Nexus” 11, 30. April 2012

Editoral

Werte Interessentin, werter Interessent der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief Nummer 11! In diesem Rundbrief wollen wir aufzuspüren versuchen, was es braucht, um ggfs. mittelfristig den grossen Umschwung, “the Great Transition“ zu einer nachhaltigeren Gesellschaft zu schaffen. Und natürlich gibt es Aktuelles und eine Buchempfehlung.

Wir wünschen gute Lektüre!

Was braucht es, um den Wandel zu einem grossen Umschwung, zu einer “Great Transition” zu schaffen?

Die Erde ist unter starkem Nutzungsdruck. Die bisherigen Versuche umzusteuern, um eine Übernutzung zu vermeiden, reichen jedoch offensichtlich nicht aus. An vielen Orten wird deshalb ein grosser Umschwung gefordert. „The Great Transition“ (www.gtinitiative.org) ist der Prominenteste, aber ebenso stellte 2009 der Weltagrarbericht (www.agassessment.org) „business as usual is no option“ fest. Von Paradigmenwechseln ist aller Orten die Rede, und nicht zuletzt forderte sogar das World Economic Forum eine Neuausrichtung des gesellschaftlich-politischen Systems.

Grosse Hoffnung wird momentan in das green economy Konzept gesetzt, das jetzt auch bei der Rio+20 Konferenz im Juni in Brasilien voran gebracht werden soll. Wachstum ja, aber grün und nachhaltig soll es sein. Wachstum bei gleichzeitig sinkendem Umweltverbrauch – das ist die heraufbeschworene Vision, die ein bisschen etwas von einer Zauberformel an sich hat. Kann mit dem Konzept green economy der grosse Umschwung gelingen?

Das Modell green economy hat ein Fussfessel. Das ist der so genannte Rebound-Effekt. Wenn – meist technologische – Einsparungen verwirklicht werden können, so zum Beispiel bei einem Auto mit effizienterem Motor, dann wird der Einsparungsgewinn heute meist in höhere Geschwindigkeitsfähigkeit des Autos oder mehr Bequemlichkeit neu-investiert – die Autos werden immer schneller, und immer mehr kleine Elektromotoren, bis hin zum anklappbaren Aussenspiegel, verbrauchen Energie und bringen vor allem Gewicht – womit mindestens ein Teil der Einsparung wieder ausgegeben und damit nicht wirksam wird. Oder das beim Sprit eingesparte Geld wird von den Haushalten für eine (zusätzliche) Flugreise ausgegeben. Aus diesem Grund hat beispielsweise die Schweiz die theoretisch ausgerechnete CO2-Reduzierung im Verkehr erst mit drei Jahren Verzögerung erreicht – und müsste heute schon weiter sein. Der CO2-Ausstoss bei Autos sinkt, aber langsamer, als erhofft. Es ist von daher sehr unwahrscheinlich, dass – nehmen wir es als Messlatte – mit dem green economy-Konzept das 2-Grad-Ziel zur Eindämmung des Klimaziels rechtzeitig erreicht werden kann. Viele Fachleute raten daher, jetzt schon mehr Aufmerksamkeit in Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel zu investieren, als in Versuche seiner Verhinderung – eine durchaus realistische Vision, die aber auch etwas beklemmende Gefühle auslösen kann.

Braucht es also mehr für einen grossen Wandel, als mit dem Konzept green economy, das im Wesentlichen alten (Wachstums-)Paradigmen folgt, angelegt ist? Und wenn ja, was genau braucht es, damit er gelingen kann?

Manchmal spricht man in solchen Situationen von Weichenstellungen, von neuen Leitbildern, und, eben, auch von Pardigmenwechseln.

Der Weltagarbericht von 2009 hat so einen Paradigmenwechsel vorgeschlagen: lasst uns, so schlug er vor, vom produktivistischen Paradigma – also das Welthungerproblem (bloβ) durch Ertragssteigerungen anzugehen, was offensichtlich nicht ausreichend zielführend ist – den Kleinbauern helfen. Denn diese sind die Hauptbetroffenen – sie stellen nach wie vor das Rückgrat für die Welternährung, und sind gleichzeitig am stärksten dem Hunger ausgesetzt. Lasst uns ihnen helfen, besser und ertragreicher zu wirtschaften, aber ohne auf Industrialisierung zu setzen.

Diese – wichtige, aber auf den ersten Blick nicht so spektakulär anmutende – Wendung des Blicks stellt jedoch vieles in Frage. Es stellt vor allem unsere bisherige Art zu Wirtschaften – auch das Wachstumsmodell – in Frage. Denn diese bisherige Art zu Wirtschaften drängt zur Industrialisierung. Sie folgt in etwa der Logik: die Politik möge ausreichend gute Rahmenbedingungen für private Investoren schaffen, die dann produktive Wirtschaftseinheiten schaffen, die wiederum die Wirtschaft beleben, und Jobs und Einkommen schaffen. Wie heikel diese ja ansonsten nachvollziehbare Logik insbesondere im Ernährungsbereich ist, zeigen die Debatten um das so genannte Land-grabbing, wo Privatinvestoren vorher extensiv von Kleinbauern genutztes Land zugesprochen bekommen, um dort unter anderem Bio-Energie zu erzeugen, oder die Spekulationen um landwirtschaftliche Rohstoffe. Einige dominante „Player“ breiten sich aus, ein bisschen Mittelstand kann mit profitieren, und zurück bleiben viele noch Bedürftigere als vorher. Das wird sogar mittlerweile anerkannt, und allerorten ruft man nach sozialen Sicherheitsnetzen des Staates für die Verlierer. Nur: die heute hoch verschuldeten Staaten können diese Sicherheitsnetze nicht mehr aufspannen. Nehmen wir die allgemeinen Menschenrechte ernst, braucht es also noch etwas anderes, als den bisherigen Wirtschaftsansatz.

Nun ist mittlerweile auch schon mancherorts von der Post-Wachstumsgesellschaft die Rede. Es wird gefragt und probiert, was anders laufen könnte, anders laufen müsste. Ein Thesenpapier des Heidelberger Professors Hans Dieffenbacher (der „Vater“ des Nationalen Wohlfahrt Indexes NWI) vom Februar diesen Jahres „Die nächsten Schritte in eine vom Wachstumszwang befreite Gesellschaft“ weist Elemente auf, wie: Es bräuchte unter anderem eine Re-Orientierung der Wohlstandsziele in Richtung Wohlfahrt, eine Integration des Umweltverbrauchs in die Wirtschaftskalkulation, eine Einhegung des Konkurrenz- und Wettbewerbsgedankens und eine dem Gerechtigkeitsdenken verpflichtete globale Politik. Eine These besagt zudem, dass regionale und lokale Wirtschaftskreisläufe von den globalen Finanz- und Warenmärkten abgetrennt werden, und dabei puffernd und komplementär wirken könnten. – Das heisst, es gibt bereits Konzepte für eine Erneuerung und Restrukturierung der gesellschaftlichen Ordnung.

Wird die Gesellschaft jedoch die Kraft, bzw. den politischen Willen aufbringen, die Änderungen auch vorzunehmen? An der beobachtbaren Schwierigkeit, staatlicherseits Rahmenbedingungen für die Integration von Umweltbelangen auf den Weg zu bringen – wir denken nur an das gerade aufgeweichte Waldgesetz in Brasilien, dem Gastland von Rio+20 – kann Skepsis entstehen, ob die Staaten das schaffen werden. Die Zeichen stehen nicht gut. Es braucht also noch mehr, oder Anderes, um den grossen Wandel zu schaffen.

Neben dem, dass eine green economy sicher besser als eine „black“ (also auf Erdöl basierende) economy ist, und auch Wachstum als solches natürlicherweise einen prominenten Platz in gesellschaftlichen Fortschrittsprozessen hat und weiter haben wird (von einer „Post-Wachstumsgesellschaft“ zu reden sich also nur auf die ausschliessliche Fokussierung auf Wachstum beziehen kann), scheint zunächst die allgemeine Orientierung wichtig zu sein: Wohlfahrt („statt Wohlstand“) und Generationengerechtigkeit (inklusive Nachhaltigkeit) – wenn das die „Fixsterne“ der Orientierung wären, dann ergäben sich daraus einige Ableitungen, die letztlich die gesellschaftliche Architektur verändern würden. Heute sind Methoden häufig zum Selbstzweck geworden – man wusste, dass Wirtschaftswachstum Wohlstand bringt. Man wusste, dass freier Handel den Wohlstand fördert. Hier in Genf wird von zivilgesellschaftlicher Seite aber nun vermehrt darauf aufmerksam gemacht, dass diese Instrumente nicht „as an end in itself“, also als Selbstzweck angesehen werden dürften, und dass das Mittel nicht zum Zweck werden dürfe. „We need a new mindset“ – wir brauchen eine neue Bewusstheit, Ausrichtung und Struktur, für was wichtig ist, und wonach wir uns richten wollen, wird manchmal dazu angeführt. Das hat, scheint mir, wesentlich mit der inneren Orientierung zu tun. Die Frage ist also, was wir wirklich wollen, bzw. wo wir hin wollen.

Und was wollen wir „wirklich“? Über alle berechtigte Individualität in dieser Sache kann man vielleicht doch allgemein sagen, dass die Teilnahme an einem „guten Leben“, an einem gelingenden Leben ein für alle anstrebenswertes Ziel ist. Und dass dafür Wohlfahrt, und auch Wohlstand eine Prämisse ist, ist weitgehend unbestritten. Und der Wohlstand muss auch erstmal verdient und erarbeitet werden, darauf ruht berechtigt Aufmerksamkeit. Aber ebenso ist Generationengerechtigkeit eine, sogar auch rational begründbare, Bedingung für ein „gutes Leben“, und Prämisse für ein potentiell gelingendes Leben für alle. Das ist relativ breit akzeptiert. Letztere Einsicht erzeugt aber offensichtlich noch nicht genug „Drehmoment“ für einen Wandel, für einen Wechsel hin zu einer grossen Transformation. Vielleicht muss man für eine Re-Orientierung, für das Schaffen neuer „Fixsterne“ für den grossen Umschwung, in noch „höhere“ Regionen greifen.

In Abwägung der Frage, ob eine Flugreise vor dem ökologischen Gewissen zu rechtfertigen sei (eine Frage, vor der ich immer wieder stehe), gibt es die rationale Abwägung, z.B., ob der „Einsatz“ den man durch die Reise leistet – z.B. das Ausbreiten von agrarökologischen Landbau unterstützt – und damit mittelfristig einen Beitrag zur Verhinderung, bzw. Anpassung an den Klimawandel leistet. Es gibt dann aber auch noch eine andere, eine verstecktere Ebene. Bei vielen Reisen macht man wertvolle Erfahrungen, die das Innenleben bereichern. Dieses erfahrungsangereicherte Innenleben kann man vielleicht auch als eine „Substanz“ anschauen. Die – auch fossilen – Ressourcen, die man für die Reise verbrauchte transformieren sich in innere Werte. Sie sind Teil des Fortschritts der Menschheit. Diese gewonnene Substanz teilt sich manchmal auch sozial mit, was auch eine „Ernährung“ der nächsten Generationen sein kann. Ich erinnere an das Buch des ehemaligen Spiegel-Redakteurs Terziano Terziani mit dem sprechenden Titel „Das Ende ist mein Anfang“, von dessen Lebenserfahrungen man durch die Weisheit dieses Mannes als Leser enorm viel profitiert. Die Menschheitsweisheit nimmt so insgesamt zu. Der Nachaltigkeitsgedanke dazu ist: Vielleicht darf für diese menschliche, zukunftsbildende Substanz ein Stück Erde „verbraucht“ werden. Vielleicht muss sie es sogar, und vielleicht sogar – und das ist ein „gefährlicher“ Gedanke – über das rekreative Potential hinaus. – Im Wissen davon – welche Verantwortung wächst einem dann aber zu? Es kann nicht der (moralische) Druck sein, jetzt auf jeder Reise weise werden zu wollen, oder gar zu müssen. Aber vielleicht, im Wissen dieser grossen Dimensionen, (Lebens-)Erfahrungen vielleicht zu suchen, aber auf jeden Fall anzunehmen, wenn sie an die innere Pforte klopfen. Sich also auf das Leben einzulassen. Es gibt ja den Topos „Einweihung durchs Leben“. Das hat dann jetzt schon eine spirituelle Seite. Aber vielleicht müssen wir „Nachhaltigkeit“ so weit denken, damit sie in die richtige Dimension gerückt wird.

„Am Ende des Tages…“ ist vor allem in Wirtschaftskreisen eine beliebte Phrase. „Am Ende des Tages zählt…“, so kann man sich und andere reden hören. In Bezug auf die Nachhaltigkeit können wir uns ja mal fragen, was „am Ende des Tages…“ zählt. Für uns. Wo wollen wir stehen, wenn wir wie Tiziano Terziani auf unser Leben zurück blicken.

FOLCO (der Sohn Tizianos): Wenn du im Gemüsebeet arbeitest, ist alles so einleuchtend. Was brauchst du groβe Theorien? Du hast es doch Tag für Tag vor Augen.

TIZIANO: Weiβt du, Folco, wenn du von unserem Rasen auf dieses wunderbare unversehrte Tal hinausblickst, begreifst du, dass diese Gegend mir zu etwas verholfen hat, was ich immer gesucht habe: zu einem anderen Blickwinkel.

Aktuell

WTO

Durch die im (Wach-)Koma liegende Doha-Runde in ihren grossen Ambitionen etwas zurück geworfene WTO muss einen Umgang mit der Widrigkeit des Lebens finden, dass zwar alle wissen, und es viele auch sagen, dass es am besten einen funktionierenden multilateralen Rahmen für den weltumspannenden Handel gäbe, aber de facto aller Orten bilaterale Verträge abgeschlossen werden, fast scheint es in immer schnellerer Folge. Bilaterale Verträge haben die gute Seite, dass sie im jeweiligen Gültigkeitsbreich den Handel liberalisieren, und so insgesamt das Handelsfeld immer zielführender gestaltet wird. Der Nachteil, neben dem, dass sie oft nur einseitig Vorteile bringen, ist jedoch, dass diese Verträge häufig sehr detailliert und spezifisch ausgearbeitet werden, und mitunter auf lange Zeit angelegt sind. Im Ostasiatischen Raum spricht man mittlwerweile von einer „noodle-bowl“, so viele Einzel-Verträge sind miteinander verwoben und verstrickt, dass kaum jemand mehr den Durchblick hat. Dieses „Knäuel“ wird zunehmend zur Fessel für multilaterale Abschlüsse, weil es kaum mehr wirklich enttüdelt werden kann. Zudem nimmt mit jedem bilateralen Akt der „Appetit“ der Beteiligten auf ein multilaterales Abkommen ab, neben dem, dass durch sie Verhandlungsressourcen gebunden werden, die für multilaterale Abkommen nicht mehr zur Verfügung stehen. Dazu führt die gegenwärtig schwierige Wirtschaftssituation in den Demokratien eher zu protektionistischen, also sich gegenüber Aussen abschliessenden Tendenzen. Das alles bringt die WTO in eine missliche Lage. Unter ihren eigenen Prämissen effizienter Strukturen müsste sie wahrscheinlich heute teil-geschlossen werden. Aber keiner der Mitgliedsstaaten will für ein Scheitern des multilateralen Ansatzes verantwortlich sein, also lässt man die Sache lieber laufen. Und die Steuerzahler, die die WTO letztlich finanzieren, sind zu weit weg, um einen Willen formulieren zu können. Daneben hat die WTO Tagesgeschäft, wie die kleineren Streitereien und Vertragsverletzungsverfahren unter den Mitgliedsstaaten, die einen Teil der Mitarbeiterschaft gut auf Trab hält. Pascal Lamy, der Generaldirektor der WTO, reist unermüdlich durch die Welt und hält Vorträge, und wirbt für das Freihandelsmodell, auch als immer wieder in Erinnerung zu rufender Entwicklungsmotor. Aber am Horizont dräut schon der Machtwechsel – in 2013 wartet die Wach-Ablösung, da soll ein neuer Generaldirektor bestimmt werden. An dem Politikum „Personalia“ Interessierte fangen an, sich in ersten Spekulationen über Nachfolgekandidaten warm zu laufen.

UNCTAD XIII

Die alle vier Jahre stattfindende UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development) Gross-Konferenz fand dieses Jahr vom 22. bis 27. April in Doha/Katar statt und hatte den Titel „Development-centred globalization: Towards inclusive and sustainable growth and development“. Die Organisation, die in den 60er Jahren auf Betreiben der Entwicklungsländer bei der UNO entstand, hat bislang ein bisschen abseits des Mainstreams („Markt, Markt, Markt“…) immer wieder auch kritische Stellungnahmen, gerade zum Neoliberalismus und seinen Folgen, abgegeben. Nun ist im Vorfeld der Konferenz ein Evaluationsreport publik geworden, der der Organisation starke Mängel in der Führung vorwirft. Diese Schwäche nutzen nun die Industrieländer, um UNCTAD aufzufordern, weniger Makro-Ökonomische, und insbesondere Finanzmarkt-Themen zu bearbeiten. Während manche Entwicklungsorganisation darin ein Komplott der Industrieländer vermuten sagen andere, dass zuvorderst die gravierenden Führungsmängel behoben werden müssten, der Rest würde sich geben. Wie auch immer – sich auftuende Vakuums werden immer gefüllt – meist auf unerwünschte Weise. Man kann UNCTAD nur wünschen, wieder auf einen guten Kurs zurück zu finden. Danach sollte – so die Nexus-Meinung – über ein engeres Zusammengehen zwischen UNCTAD und WTO nachgedacht werden.

Im Volauf zu Rio+20

Es war und ist ein breit angelegter Prozess – die Vorbereitung auf Rio+20, die Nachhaltigkeitskonferenz der Staaten in Rio de Janeiro vom 20. bis 22. Juni. Fünf Regionalkonferenzen – eine Region ist z.B. Asien – der Staaten und mehrere Vorbereitungskonferenzen des Sekretariats in New York haben im Vorfeld stattgefunden. Die Zivilgesellschaft, zum Teil in „major groups“ organisiert, war breit eingebunden. Aus all den Vorbereitungen wurde ein erstes Papier, ein „zero draft“ formuliert, der versuchte, auf all die Eingaben einzugehen. Dieses Papier wurde für weitere Kommentare frei gegeben. Die Fülle der Kommentare wurde gewichtet und manches davon wurde zur Berücksichtigung in Aussicht gestellt. Aber die Enttäuschung unter der Zivilgesellschaft war gross, als deutlich wurde, dass zumindest alle Bezüge zu Menschenrechten aus der zukünftigen Verlautbarung ausgeklammert werden sollten. Denn es sind gerade die Menschenrechte, die einem zu starken Auseinanderdriften von Gewinnern und Verlierern einer Marktwirtschaft – und um eine (green) economy soll es in Rio gehen – entgegen wirken können. Ein offener Brief vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen an den Vorsitzenden der entsprechenden UNO-Einheit UNCSD soll hier noch eine Änderung bewirken. Eine andere Sorge betrifft die Finanzierung: wenn die Staaten, wie es absehbar ist, auf der Konferenz keine frischen Finanzen sprechen wollen, dann ist der Erfolg der hoffentlich zustande kommenden Verabredungen leider fraglich. Insgesamt war das ursprünglich als Gipfel geplante Treffen schon zu einer Konferenz herabgestuft worden. Insofern ist etwas Ernüchterung in die bis dahin eher euphorischen Vorbereitungen eingekehrt. Daneben ist nach wie vor unsicher, was „Nachhaltig“ insbesondere in Bezug auf die Landwirtschaft in Rio bedeuten soll, und der so genannte Rebound-Effekt – das Einsparungen kompensierende Neu-Wachstum – scheint insgesamt in der Debatte eine zu geringe Rolle zu spielen. Von zu grossen Hoffnungen auf die Ergebnisse der Konferenz muss leider Abschied genommen werden. Aber kleine Schritte sind vielleicht besser als keine, und es wird dort viel zu Netzwerken geben.

Buchbesprechung

Brief an Barack Obama – Die unbezähmbare Schönheit der Welt – Wenn die Mauern fallen

Wer hat nicht schon einmal daran gedacht – einen Brief an Barack Obama zu schreiben? Eduard Glissant und Patrick Chamoiseau haben es getan. Es ist daraus ein kleines Büchlein geworden, das jedoch Grosses anstösst.

Z.B. die „Archipelisierung des Denkens“. Die Autoren, die von einer Inselgruppe – einem Archipel – in der Karibik abstammen, führen diese Archipelisierung des Denkens so ein: „…das Denken der Archipele, das heute das Denken der Kontinente auflockert. Die Kontinente sind von sich überzeugt und von einer einzigen Wahrheit, sie stoβen vor wie ein Pfeil. Die Archipele sind zerbrechlich, aber dafür auf die viefältigen Wahrheiten der heutigen Welt eingestimmt….“

Das Zweite, auf das die Autoren, die Nachfahren der ehemaligen Sklaven sind, in ihrer Gemeinsamkeit mit Barack Obama hinweisen, ist die Kreolisierung – die Synthese heterogener kultureller Elemente, das Aufgehen und damit Überwinden von Rassen und „Misch-Ehen“ in einen neuen Menschentypus, egal ob schwarz, weiss, gelb, rot oder bunt, alles miteinander, der sich jedweder Klassifizierung entzieht bzw. sie überkommt, auch das, was man mit „Multi-Kulti“ bezeichnet. Damit tritt das „Mensch-Sein“ in eine neue Ära.

Eine Politik, die auf das Imaginäre Rücksicht nimmt, wird als Drittes als eine Poetik beschrieben. Ein Wandel hin zur Teilnahme, zum Austausch, eine Entschlossenheit Lösungen zu suchen, wenn die Raster oder Rahmen der alten Vorbilder sich weiter starr und steril durchsetzen wollen. Dann gilt es Hartnäckigkeit an den Tag zu lege, anderen nicht die eigenen Ideen überstülpen zu wollen.

Die neue politische Poesie schöpft ihre Kraft aus einer Vision der All-Welt, die in ihrer Bewusstheit über einen früheren „Holismus“ oder „inklusive Entwicklung“ hinausweist.

„Schönheit“ ist dabei die Leit-Essenz, denn Schönheit ist ein Merkmal des Lebendigen. „Die Gerechtigkeit lauscht bei der Schönheit an der Tür“ (Aimé César).

Die Utopie ist, was der Welt fehlt. Sie ist der einzige Realismus, der fähig ist, die Knoten des Unmöglichen zu lösen.“

Dieses Buch, bei Wunderhorn 2011 erschienen, ist wie eine Welle von Anregungen, auf der man sich der Zukunft entgegen bewegen kann.

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Nexus Foundation, Genf