Rundbrief “Nexus” 12, 28. Juni 2012

Editoral

Werte Interessentin, werter Interessent der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief Nummer 12. In diesem Runbrief stellen wir die Quintessenz der ersten zwei Nexus-Jahre in Bezug auf Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und Handel vor.

Wir wünschen gute Lektüre!

  

Regional ist erste Wahl

Bringt man alle Studienergebnisse und Erkenntnisse in Bezug auf Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und Handel der letzten Jahre auf eine Formel, so resultiert daraus »Regional ist erste Wahl«.

Doch der Reihe nach: Am prominentesten mit dem Weltagrarbericht IAASTD, aber parallel durch viele andere Studien kam 2008/2009 die Erkenntnis, dass das Hungerproblem vorwiegend ein Problem der ländlichen Regionen, und im Besonderen der Kleinbauern ist, ins öffentliche Bewusstsein. 70% der Hungernden leben auf dem Land. Diese Erkenntnis zeitigt weitreichende Konsequenzen: Dachte man im Allgemeinen vorher, man müsse nur, egal wo auf der Welt, genügend, und wenn’s geht günstige Nahrungsmittel erzeugen, und das altbekannte Verteilungsproblem lösen, dann könnte man das Hungerproblem in den Griff bekommen, so wurde jetzt deutlich: so geht das nicht. Das „Produktions-Paradigma“ erwies sich als nicht tragfähig.

Das Hungerproblem ist in einer Markwirtschaft eng mit dem Armutsproblem verknüpft (weswegen Armut und Hunger zu überwinden im Milleniums-Entwicklungsziel eins zusammen aufgeführt werden) – wer über keine Kaufkraft verfügt, der kann sich Nahrungsmittel schlicht nicht leisten. Aber wie kommt man an Kaufkraft? Durch wirtschaftlich erfolgreiche Aktivität. Nur: was ist, wenn die Kleinbauern ihre Ware nicht zu angemessenen Preisen verkaufen können?

Grob vereinfacht und leicht überzeichnet kann man folgendes Bild skizzieren: Nachdem die Kolonien in den 60er Jahren in die Selbständigkeit entlassen wurden, adaptierten sie meist quasi sozialistische Regierungsmodelle, wo sich der Staat auch intensiv in den Ernährungssicherheitsstrategien engagierte, sei es durch Beratung, Lagerhaltung, Marketingboards usw. Neben den bekannten Problemen kommunistischer Staatsführung taten unerfahrene und schlechte Regierungsführung sowie Tribalismus, ungerechte Handelssysteme etc. ein übriges, auf jeden Fall waren die Strukturen ineffizient, und die Staaten bald überschuldet, weswegen sie Anfang der 80er Jahre bei den internationalen Instituten wie dem Währungsfond um Hilfe anklopfen mussten. Diese Institute knüpften an die Kredite Bedingungen. Vor allem hatte sich der Staat aus allem zurückzuziehen. Daneben mussten die Grenzen für Handel geöffnet und die Wirtschaft privatisiert werden (dieses Vorgehen trägt den Namen „Washington Konsens“). Parallel waren in den westlichen Ländern mittlerweile Agrarstrukturen entstanden, die Überschüsse produzierten. Diese mussten auf dem Weltmarkt untergebracht werden. Diese Überschüsse, zweifach subventionert – einmal in der Erzeugung, dann direkt über die Exportförderungen – drängten nun auf die Märkte der Länder des Südens. Manchen Regierung dort war das willkommen: günstige Lebensmittel in den Städten sicherten Frieden und Wählerstimmen. Parallel sorgte eine verbesserte medizinische Versorgung auf dem Lande für ein explodierendes Bevölkerungswachstum. Die Traditionen – viele Kinder signalisieren Wohlstand und sichern das Alter – passten sich den neuen Verhältnissen nicht, oder zu langsam an. Damit wurde das Familienland in immer kleinere Parzellen aufgeteilt. Die Kombination aus eingestellter staatlicher Unterstützung, durch Importe ruinierte Preise und Bevölkerungswachstum führte auf dem Land zu immer schlechteren Verhältnissen, und zum Schluss zu immer mehr Hunger.

Wie kann aus dieser Problemlage wieder herausgefunden werden?

Die Weltgemeinschaft ist sich einig, dass man etwas für die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern tun muss. Dabei werden verschiedene Strategien verfolgt:

  • Die internationalen kreditgebenden Institutionen wie IWF und Weltbank verlangen von den betroffenen Ländern, ein freundliches Investitionsklima für Investitionen in die Landwirtschaft zu schaffen, um die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen.
  • IFAED, die in Rom basierte halbstaatliche Förderorganisation für Landwirtschaft in den Entwicklungsländern setzt zunehmend auf public private partnerships, versucht also, mit der Wirtschaft zusammen zu spannen, um das Fördervolumen ausdehnen zu können.
  • Die WTO sieht im Rahmen besonderer und differenzierter Behandlung vor, dass besonders von Ernährungsunsicherheit betroffene Länder einzelne Grundnahrungsmittel von der allgemeinen Liberalisierungspflicht ausnehmen können.
  • Olivier de Schutter, der UNO Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, und in relativem Gleichklang mit ihm die anderen UNO-Organisationen wie die FAO, fordern mehr Flexibilitäten für die betroffenen Staaten in Handelsfragen und Zöllen, und auch ein gesteigertes Engagement des Staates in der Ernährungssicherheit.
  • Die G20 versuchen, aber tun sich schwer, eine wirksame Regelung der Spekulationspraxis mit Nahrungsmitteln auf den Weg zu bringen.

Alle diese Ansätze haben im besonderen zwei Probleme: Wenn sich der Privatsektor wirtschaftlich engagiert, sucht er in der Regel den Profit, was in aller Regel grosse Strukturen fördert. Und Rufe nach mehr staatlichem Engagement finden bei hochverschuldeten, und auf „jobs and growth“ gebuchten Staaten keinen Widerhall.

Mit den bisherigen Ansätzen lässt sich das Hunger-Problem nicht lösen.

Ohne die Staaten und die Wirtschaft aus der Pflicht zu entlassen steht es an, einen dritten Weg, neben dem Zentralismus des Staates und der Privatisierung der Wirtschaft zu bahnen: Die „Glokalisation“ voran zu treiben. D.h., regionale, selbstverwaltete Strukturen zu fördern, ohne sich von den globalen Strukturen abzukoppeln. Die Welt ist ein globales Dorf, und es braucht eine „Weltinnenpolitik“ (Carl Friedrich von Weizsäcker), um die globalen Verhältnisse zu bearbeiten und zu regeln. Die Elemente der globalen Architektur sind dabei die Regionen. Sie regeln subsidiär und eigenverantwortlich ihre Verhältnisse, und, kooperierend und koordinierend, kümmern sie sich um die globalen Verhältnisse – so eine mögliche Vision.

Als das Millenium Ecosystems Assessment (MEA) 2005 erschien (ein Bericht, wo über vier Jahre 1.300 Experten mitarbeiteten), wurden vier Szenarien als zukünftige mögliche Entwicklungswege präsentiert: „global orchestration“, „order through strenth“, „adapting mosaic“ und „techno garden“. Obwohl die Autoren sich nicht explizit für eines der Szenarien aussprachen (sondern nur deren Vor- und Nachteile aufzeigten), konnte man trotzdem herausspüren, dass eine gewisse Präferenz für das global orchestration Szenario vorhanden war. Also durch gute Abstimmungen der Regierungen auf globaler Ebene und bei relativ weit geöffnetem Handel gemeinsam die globalen Herausforderungen anzugehen.

Nun, 2012, d.h. sieben Jahre und viele unbefriedigende bis gescheiterte Gipfel der Regierungen später, inklusive einer happigen Wirtschaftskrise, ist es für die Zukunft vielleicht zielführender, primär auf das adapting mosaic Szenario zu setzen: Im wesentlichen wird in diesem Szenario auf Lernen („adapting…“) gesetzt, und auf lokale Kontexte („…mosaic“). Die Herausforderung in diesem Szenario ist die (rechtzeitige) Berücksichtigung der globalen Gemeingüter wir ozeanische Fischgründe. Als Vision wird aber schon in der Szenario-Beschreibung von einer Kooperation der Regionen gesprochen, um diese globalen Herausforderungen anzugehen.

Die Zivilgesellschaft, so ist auch nach dem Rio+20 Gipfel sichtbar geworden, muss das Leben zunehmend in die eigene Hand nehmen. Leitgedanke kann dabei die Bewirtschaftung der Commons sein, wie es die gerade kürzlich verstorbene Elinor Ostrom beschrieben hat: selbstverwaltet, zwischen (staatlicher) Zentralisierung und (wirtschaftlicher) Privatisierung angesiedelt.

»Regional ist erste Wahl« ist eine Umsetzungskomponente vom adapting mosaic Szenario. Wenn diese Formel in Bezug auf Landwirtschaft, Boden und Nahrungsmittel, inspiriert von der Gemeingüterökonomie selbstverwaltet umgesetzt würde, dann wäre die Chance regionale Ökonomien zu stärken, und damit den (Klein-)Bauern ein würdiges Leben zu ermöglichen und den Hunger zu reduzieren.

»Regional ist erste Wahl« ist zunächst eine Leitidee. Sie lenkt den Blick auf die lokalen/regionalen Verhältnisse, und stärkt diese dadurch. Sie schliesst aber den überregionalen und globalen Austausch von Gütern nicht aus. Die überregionalen Güter haben jedoch komplementierenden Charakter. So werden die Regionen der Welt gestärkt, ohne auf die Vorteile des Handels (preisgünstige Ware, breites Angebot) insgesamt zu verzichten.

Ein aktuelles Beispiel mag das illustrieren: Als die Spargelernte jüngst in Mitteleuropa auf dem Höchststand war, gab es in Schweizer Läden unterschiedlich viel Spargel aus der Schweiz zu kaufen. Obwohl beide Grossverteiler, Coop und Migros, prinzipiell mit Regionalprodukten werben, hatte Coop 50% schweizer Spargel im Angebot, Migros hingegen, mit fadenscheinigen Gründen, nur 10%. Dabei ist der Geschäftsverlauf von Coop nicht schlechter als der von Migros.

»Regional ist erste Wahl« ist also umsetzbar. Es ist eine Frage des Willens, aber auch der Strukturen. Beides zu fördern ist die Aufgabe der nahen Zukunft.


Aktuelles

Ein kurzer Rückblick auf Rio+20 und eine Einschätzung zur Lage findet sich im Nexus Blog http://www.nexus-foundation.net/blog/


Nikolai Fuchs


Impressum: Nexus Foundation, Genf