Rundbrief “Nexus” 13, 31. August 2012

Editoral

Werte Interessentin, werter Interessent der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief Nummer 13. In diesem Runbrief tasten wir uns weiter vor, wie die Formel Regional ist erste Wahl im weltweiten Handelskontext verankert werden könnte.

Wir wünschen gute Lektüre!

Die Schlüsselfrage

Im Rundbrief 12 haben wir die vorläufige Quintessenz der Nexus-Arbeit vorgestellt: Regional ist erste Wahl. Dazu haben wir dargestellt, wie es zwischen Staat und Wirtschaft zunehmend einen dritten Weg, der sich an der (selbstverwalteten) Gemeingüter- und Gemeinwohl-Wirtschaft orientiert, zu beschreiten gilt.

Die Schlüsselfrage ist ja nun: wie kommt man dahin? Und wie ist die Leitidee Regional ist erste Wahl im weltweiten Handelskontext zu verankern?

Bislang denkt die WTO, dass für landwirtschaftliche Güter das gleiche (Grund-)Gesetz des komparativen Standortvorteils gilt, wie es vermeintlich für alle anderen Güter gilt: wenn Güter in einem Land vergleichsweise zu anderen Gütern günstig hergestellt werden können, dann sollen sie dort hergestellt (und gehandelt) werden. Dann würden letztlich alle am meisten profitieren.

Landwirtschaft ist besonders

Was die WTO dabei für die Landwirtschaft übersieht, sind die Besonderheiten der Landwirtschaft. Zu den Besonderheiten gehört vor allem die (für ihre Gesundheit notwendige) Vielfältigkeit. Monokulturen fallen aus dem ökologischen Gleichgewicht, das sich nur mit künstlichen – meist chemisch hergestellten – Mitteln kompensieren lässt – zu oft auf Kosten der Umwelt. Das Befolgen der Theorie des komparativen Standortvorteils verstärkt die ohnehin in der Industrialisierung veranlagte Tendenz zu Monokulturen – wenn es günstiger ist, ein bestimmtes Produkt irgendwo anzubauen, dann – nach der Theorie der economy of scales, also dem Vorteil der Grössenausdehnung – auf so viel Fläche wie möglich.

Aber die Vielfalt – hier: Fruchtfolgen, Kulturpflanzenvielfalt, Biodiversität – hat nicht nur die Um-, bzw. Mit-Weltseite, sondern weitergehende Implikationen: am direktesten über vielfältige Ernährung („nutrition-diversity“), und vielfältige Landschaftsraum als Erlebnisraum. Während eine Monokultur-Landwirtschaft (wir spitzen hier natürlich etwas zu) immer mehr zu einem Rohstoff-Lieferanten für eine Nahrungsmittel-Industrie wird, die dann sekundär die (von der Mischung und Verpackung her) vielfältigsten Produkte daraus kreirt, fordert vielfältige Produktion selber zu Weiterverarbeitung und Veredlung vor Ort auf. Es kann so etwas wie eine ländliche Ökonomie („rural economy“) entstehen, die von gegenseitigem Austausch, vielfältigen Beziehungen und Vertrauen geprägt ist. Globale Rohstoff-Wirtschaft hat hingegen einen anonymen Anstrich, der ja auch zu günstiger Versorgung mit Nahrungs-Kalorien in einer städtischen und von individueller Selbstbestimmung geprägter Umgebung passt. Aber Menschen sind im Allgemeinen, das zeigt die jüngere Forschung, weniger „homo oeconomicus“, als gemeinhin angenommen, d.h. sie richten nicht ihr ganzes Leben nach der Maximierung ihrer (ökonomischen) Vorteile aus. Menschen suchen im Allgemeinen Beziehungen, und vor allem Identität. Nicht zuletzt haben in letzter Zeit Regionalprodukte unabhängig von allen oben genannten Theorien Konjunktur. Auch, oder vielleicht gerade in städtischen Zusammenhängen suchen Menschen verstärkt Regionalprodukte.

Ernährungssicherheit

Für uns steht von der Nexus-Perspektive jedoch zunächst der Aspekt der Ernährungssicherheit im Vordergrund. Da die unter Hunger leidenden Menschen vorwiegend in ländlichen Regionen leben, und die „Monokultur-Landwirtschaft“ flächenintensiv ist, und dadurch häufig vorherig gelebte Nutzungsstrukturen untergräbt, und neben einseitiger Wassernutzung tendenziell für die Mittellosen, wenn überhaupt, nur prekäre Arbeitsverhältnisse bietet, scheint eine (Re-)Vitalisierung der ländlichen Räume hin zu vielfältigen „rural economies“ ein zukunftsweisender Weg zu sein. In die gegenseitige Wahrnehmung gut eingebettete Erzeugungssysteme neigen eher zu extensivem Betriebsmitteleinsatz und mehr Vielfältigkeit (Direktvermarktung). Das sind landwirtschaftliche Systeme, die von selber zu mehr Resilienz (flexible Widerstandsfähigkeit) gegenüber Fremdeinflüssen, zu mehr Biodiversität und Klimaschonung neigen. Diese Ansätze werden heute agro-ökologische Ansätze genannt. Sie haben vielfältige – vor dem Hintergrund der heutigen Problemlagen – positive Auswirkungen.

Das heute herrschende Wirtschaftssystem verstärkt jedoch Tendenzen zu mehr Industrialisierung und Spezialisierung. Das Profitstreben als treibende Kraft sucht den Effizienzgewinn. Was durchaus positive Seiten haben kann führt aber häufig zu Automatisierungen und damit Kapitalbedarf und damit zu den economies of scale. Der Wettbewerb ist die Schwungmaschine dieses Systems. Rurale Ökonomie setzt aber auch auf Kooperation und Synergien. Vielfältige Landschaften ziehen Naturbegeisterte an, die wiederum die Infrastruktur auslasten helfen. Bestimmte Spezialitäten fordern nachhaltige Produktionsmuster, wie der schweizer Käse die Heuwirtschaft. In diesem Kontext können sich lokale Kulturen entwickeln, die auch bei Aussenstehenden Interesse wecken. Diese Ansätze brauchen aber allesamt Originalität und Identität, und nicht Vermassung.

Heutige Politik-Ökonomie steht diesen Ansätzen aber häufig entgegen. Überregulierung, hohe (z.B. Hygiene-)Standards, Ausbildungsanforderungen und das Steuerrecht benachteiligen kooperative Ansätze „von unten“. So auch das internationale Handelsrecht, das einseitig grosse Strukturen fördert. Aber es gibt Ausnahmen. Das europäische LEADER-Projekt, ein Projekt, das regionale bottom-up Ansätze fördert, ist eine löbliche Ausnahme, und ist sehr erfolgreich. In diesem Sinne gelte es, Politiken für den ländlichen Raum neu auszurichten. Die rural economies hat mittlerweile auch einen Namen bekommen: Eco-Economy ist ein Ansatz, der in Wales entwickelt wurde. Dabei wird auf die Kooperation und Synergie im oben beschriebenen Sinne als sich gegenseitig verstärkende Momente gesetzt.

Kooperation und Synergien

Wie können nun aber „Kooperation“ und „Synergien nutzen“ im internationalen Handelssystem verwirklicht werden? „International“ bezeichnet es schon: zwischen den Nationen wird gehandelt. Dabei verhalten sich die nationalen Volkswirtschaften wie eigene Wirtschaftseinheiten, die miteinander (oder besser: gegeneinander) im Wettbewerb stehen. „Wettbewerbsfähig werden“ ist eines der hervorstechendsten Politikprogramm-Merkmale der letzten Jahre. Für viele Bürger bis heute unkenntlich setzen sich Regierungen für einen besseren Stand ihrer Volkswirtschaften auf dem internationalen Parkett ein – und da wird häufig mit harten Bandagen gekämpft. Es ist den Regierungsvertretern dabei nicht unbewusst, dass ihre Strategien nicht selten auf Kosten von anderen gehen. Aber man fühlt sich der eigenen (Wähler-)Klientel verpflichtet. Verschenkt wird nichts (bis auf ein bisschen Entwicklungshilfe, die aber meist letztlich auch der eigenen Wirtschaft zugute kommt). Es ist ein Geben und Nehmen (z.B. von Zollzugeständnissen), und was gegeben und genommen werden kann, das macht die Verhandlungsmasse aus. Verschenkt man (zu früh) etwas, dann drohen einem bei dem Schluss-Poker Karten zu fehlen. Also halten alle so lange wie möglich an ihren Karten fest. Damit kann sich jedoch, wie die lang herausgezögerte Doha-Runde zeigt, das „Spiel“ festfahren.

Um das fest gefahrene „Spiel“ aufzulösen und um ein flüssigeres Fortkommen zu ermöglichen lohnt es sich vielleicht ein Stück zurück zu treten und die Situation zu analysieren. Die gescheiterten Regierungs-Gipfel der letzten Jahre zeigen deutlich, dass die Staatengemeinschaft kaum in der Lage ist, globale Herausforderungen wirksam zu meistern. Zu sehr – so scheint es – stehen die nationalstaatlichen Interessen sinnvollen Lösungen im Wege. Es ist uns vielleicht zu wenig bewusst, dass wir mit der allzeitigen Erreichbarkeit von allem und jedem und den endlichen Ressourcen bereits im globalen Dorf angekommen sind. Natürlich besteht ein Dorf aus Häusern und Gärten, und somit auch aus Eigentum („Properties“). Aber das Gemeinwesen des Dorfes muss eben doch gemeinschaftlich versorgt werden. Nachbarschaftshilfe ist gut und nötig, aber Strassenbau, Schulen und die Wasser- und Energieversorgung müssen gemeinschaftlich organisiert werden. Auch wer den Dorfteich reinigt, und die Papierkörbe leert. Diese Prozesse haben wir global gesehen für unseren Planet noch nicht genug im Griff. So beschäftigte gerade auf dem republikanischen Parteitag in den USA, wo der Kandidat für das Amt des mächtigsten Mannes der Welt, des Präsidenten der United States of America, gekürt wurde letztlich die Frage, wie genug Jobs für Amerikaner und wie der Führungsanspruch der USA in der Welt aufrecht erhalten werden könnte – nicht wie die globalen Probleme angegangen und gelöst werden könnten (die USA unabhängig von ausländischer Energieversorgung machen, war das Thema). Sogar im mächtigsten Land der Welt dominieren die Eigeninteressen (nicht nur beim Parteitag, sondern auch wenn sich das Land auf internationalem Parkett bewegt). Internationale Einigungen sind aber ohne die USA kaum erfolgreich, wie das Scheitern des Kyoto-Protokolls zeigt. Innerhalb der „United States“ können wiederum einige wenige Staaten globale Verträge blockieren, wie der Baumwoll-Fall bei der WTO zeigt – einige „midwest-states“ blockieren eine Einigung zu ungunsten der baumwollerzeugenden Länder in Afrika.

Grenzen des Nationalstaatlichen

Auch bei den UN, den „United Nations“ bilden die Nationalstaaten die Elemente (und erschweren so oft eine Einigung). Von manchen Beobachtern wird die EU – die „Europäische Union“ – deshalb schon als Vorreiter für eine gemeinschaftlichere Zukunft angeschaut, weil die Europäischen Länder Teil-Souveränitäten an die Gemeinschaft abtreten – der Unionsgedanke steht im Vordergrund. – Mindestens bräuchte es für ein angemessenes Welt-Regime also die „Vereinigten Staaten der Welt“, besser noch eine Welt-Union, und vielleicht am besten eine Weltgemeinschaft, die sich ggfs. in Regionen organisiert.

In diesem Sinne müssten wir aber vielleicht jetzt schon handeln. „Weltinnenpolitik“ nannte Carl-Friedrich von Weizsäcker diese Haltung. In einer Welt der Regionen hat man es dann vielleicht immer noch mit einem „Kantönli-Geist“ zu tun, wie es in der Schweizer Eidgenossenschaft mit den 26 Kantonen so schön heisst, aber ein starkes Plebiszit kann einen Teil dieser Schwäche auffangen. Der Bedeutung nach (z.B. für den Weltfrieden) müsste der amerikanische Präsident ohnenhin von der Weltgemeinschaft gewählt werden.

Uns interessiert an dieser Stelle – und warum wir das alles so entwickeln – die Welthandelsfrage, die sich heute inter-national abspielt. Länder (Nationen) wollen Marktzugang zu anderen Ländern, und wenn möglich ihre eigenen Märkte abschotten. Schutzreflexe wie Schutzzölle muss es im Grunde aber nur geben, wenn andere Länder bzw. Mächte oder Wirtschaftsinteressen in einem kompetitiven Markt „drücken“, sich Marktanteile „erobern“ wollen. Wenn jedoch im Hinblick auf Landwirtschaft und Ernährung die Versorgung der Weltbevölkerung (und damit der „eigenen“) – und nicht nur Versorgung (z.B. mit Kalorien), sondern eine aktive Ernährungssituation – Ziel ist und im Vordergrund steht, dann dominieren nicht die Export- und Import(-schutz)-Interessen, sondern das gemeinsame Ziel die Weltbevölkerung zu ernähren (nicht Nationen zu sichern) tritt auf den Plan. Lula da Silva, als brasilianischer Präsident als Hungerbekämfer erfolgreich, rief zu einer <Integration aller Länder> beim Weltsozialforum 2011 auf. Integration ist also ein Schlüsselbegriff. Inklusion, wie hier in Genf in letzter Zeit häufiger gebraucht, ebenfalls. Dabei geht es nicht nur darum, globale Warenströme reibungslos zu organisieren, das auch. Sondern das lokal und regional zu organisieren, was dort hingehört und passt. Naheliegend sind subsidiäre Organisationsformen, so dass primär lokal und regional versucht wird die Versorgung zu organisieren, bevor auf überregionale Quellen zurück gegriffen wird. Und eine Region darf dabei durchaus Nationalstaatsgrenzen überschreiten. – Eben, die Region soll so gross sein, wie es sinnvoll ist. Regionale Wirtschaftskreisläufe können durch Regionalwährungen unterstützt und akzentuiert werden. Das Subsidiaritätssystem gelte es dann zu respektieren – womit Schutzmechanismen und Markt-Angriffsstrategien hinfällig wären. Dazwischen – zur Komplementarität des regionalen Marktes – ist ein offener Markt sinnvoll – aber wirklich offen, und unverzerrt.

Kulturelle Identitäten

Vielleicht geht es letztlich mehr um kulturelle Identitäten als um Nationalstaaten. Kürzlich zeichnete ein Autor in einem Zeitungsartikel auf, wie sich die Grenzen im Nahen Osten verschieben und z.T. aufheben würden, wenn die künstlich gesetzten nachkolonialen und Nachkriegsgrenzen sich mehr an den Bevölkerungsgruppen (Sunniten, Schiiten, Drusen und Kurden …) orientieren würden. Wie könnte die neue Nahost-Staatenwelt aussehen? Sie wird nicht mehr zentralistisch, sondern eher föderativ, bundesstaatlich, teils auch konföderativ sein.“ mutmasst der Autor. – Vielleicht ist (kulturelle) Identitätsbildung eine Vorbedingung für echte Souveränität (siehe ehemaliges Jugoslawien), die dann – bewusst – geteilt werden kann. – Es ist also schon einiges in Bewegung, was uns einem neuen Umgang mit Handelsfragen näher bringen könnte ….

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