Rundbrief “Nexus” 14, 31. Oktober 2012

Editoral

Werte Interessentin, werter Interessent der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief Nummer 14. In diesem Runbrief beschäftigen wir uns mit der Frage, ob die Verbraucher-Präferenz den entscheidenden Wandel herbeiführen kann, bzw. soll. Eine Polemik.

Wir wünschen gute Lektüre!

Verbraucher-Präferenz?

In jüngerer Zeit ergaben sich zwei Gelegenheiten, bei denen der Verbraucherpräferenz hohes Gewicht eingeräumt wurde. Das eine Mal beim Public Forum der WTO im September, und das zweite Mal bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Agronauten und der Friedrich Ebert Stiftung in Freiburg im Oktober. Beim WTO Public Forum fragte ich den Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Kommittees bei der WTO, John Adank, wie er sich eine Bevorzugung regionaler Produkte vorstellen könne. Daraufhin antwortete er, das läge bei den Verbrauchern, ob sie mehr Geld für regionale Produkte ausgeben wollten, eine andere Lösung sehe er momentan nicht. Eine relativ ähnliche Antwort gab Elvira Drobinski-Weiss, Mitglied des Bundestags bei der Veranstaltung in Freiburg. Bürger müssten bereit sein, mehr Geld für regionale Produkte auszugeben – so klang das bei ihr. Ist es so, liegt es an den (uns) Bürgern, ob regionale Produkte angeboten werden (können)?

Erhöhte Zahlungsbereitschaft wird von den Vebrauchern an vielen Stellen gefragt: das energiesparsame Haus, die umweltfreundliche Heizung, das Auto mit dem niedrigen Verbrauch, die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, Biolebensmittel, Fair Trade Produkte, der Flug mit einem Flugzeug mit Sitzplatzreservierung (Stress, vor allem wenn man mit mehreren reist), Kleider mit Bio-Cotton (bei Coop Schweiz das Unterhemd für den doppelten Preis), die nachhaltige Geldanlage zu niedrigem Zinssatz, die nachhaltige Altersvorsorge mit mangelhafter Rendite und nicht zuletzt das Schulgeld für eine Schule, wo das Kind nicht als human resource an geschaut wird – überall ist es teurer. Ist das richtig? Ist vielleicht die Frage berechtigt: in welcher Welt leben wir, in der Verhalten, das den anderen (und die Umwelt) nicht schädigt, vom einzelnen besonders bezahlt werden muss? Oder im Umkehrschluss, wo das Verhalten, was andere und die Umwelt schädigt, indirekt belohnt wird? Und das nicht als Ausnahme, sondern als Regel? Wo das Verursacherprinzip, und damit die Verantwortungsübernahme nicht gültig ist? Gründe für diesen „Widersinn“ gibt es vermutlich viele, ein Grund jedoch sticht ins Auge: umwelt- und sozialschädigendes Verhalten erhöht über die künstlich niedrigen Preise den Konsum, und somit das Brutto-Sozialprodukt. Selbst die Schadensbehebung, sollte sie einmal anfallen, erhöht das Brutto-Sozialprodukt. Nur wer wächst, überlebt. Aber macht das Sinn, wo wir heute schon 1,3 Erden (äquivalent zu ihrer Erzeugungsfähigkeit) konsumieren (auf dem schweizer Lebensniveau sind es drei Erden), und wo schon drei planetare Grenzen (Klimawandel, Biodiversität und Stickstofffracht) überschritten sind?

Wir müssen zu Regelungen – oder besser: gesellschaftlichen Verabredungen – finden, wo dieser Irrsinn aufhört. Der einzelne kann mit seinem good-will nicht gegen dieses destruktive System ankaufen. Biolandbau liegt heute bei einem Prozent, weltweit.

Oder muss es gerade so sein? Kann es kein System zum „Guten“ geben, muss es so sein, dass man das „gute“ Verhalten selber immer wieder gegen innere Widerstände durchsetzen muss? Fragt das die Welt von uns, dass wir aus Einsicht, und gegen den inneren Schweinehund handeln? Haben Systeme also immer einen Trägheits- und damit Bequemlichkeitsaspekt, würden sie sonst gar nicht breit funktionieren? Das kapitalistische System setzt auf den persönlichen Bereicherungswillen – ist es deshalb so erfolgreich? Waren Verzichtssysteme – Klöster z.B. – deswegen schon immer in der Minderheit? Oder ist diese ich-muss-mich-überwinden-Haltung eine zu selbstkasteiende Haltung? Das Erneuerbare Energien Gesetz (vor der Biogas-Vergütung), das LEADER-Programm bei der EU – einzelne, positive Beispiele für nachhaltige Regeln und Gesetze gibt es. Kann es nicht auch eine Regelung geben, in der Regionalpodukte nicht teurer sind? Darüber gilt es nachzudenken. Sie, liebe Leser und Leserinnen des Rundbriefs, sind herzlich eingeladen an diesen Gedanken mit zu denken! Über eine Rückmeldung freuen wir uns!

Impressum: Nexus Foundation, Genf

P.S. Zur Verbraucherwahrnehmung von Welternährung, einer kürzlich vorgestellten Studie der Universität Göttingen, gibt es einen aktuellen Blog Beitrag unter: http://www.nexus-foundation.net/blog/