Rundbrief “Nexus” 18, 28. Juni 2013

Werte Interessenten der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief „Nexus“ Nr. 18. Dieser Rundbrief beschäftigt sich mit der Frage: Kann die Verwirklichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals) ab 2015 ohne grosse Transformation gelingen? Dazu gibt es Nachrichten aus der Arbeit der Nexus Foundation.

Hinweis: Dieser Rundbrief ist erstmal der letzte Regelmässige in deutscher Sprache. Wer weiter aktuell über die Arbeit der Nexus Foundation informiert werden möchte, melde sich bitte: ab jetzt wird es in unregelmässigen Abständen „Nexus Short News“ in englisch, und auch einen englischsprachigen blog geben.

Viele Freude beim Lesen!

Von den Milleniums-Entwicklungszielen zu den Sustainable Development Goals – gelingt die grosse Transformation?

Viele UNO-Organisationen, die Staatengemeinschaft, Einzelbürger aber auch Zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Nexus Foundation haben sich in den vergangenen 13 Jahren, seit der Ausrufung der Milleniums-Entwicklungsziele im Jahr 2000 in deren Dienst gestellt. Extreme Armut und Hunger sollten halbiert werden, um das prominenteste Milleniums-Entwicklungsziel zu nennen. Manches ist erreicht worden, wie das Zurückgehen der Kindersterblichkeit an vermeidbaren Krankheiten, die Verbesserung der Frauen-Gesundheit oder der weltweiten Grundschulbildung. In Bezug auf die Reduzierung der Armut meldete die Weltbank, dass es heute weniger Menschen gibt, die von weniger als 1,25$ am Tag leben müssen – ein vermeintlicher Fortschritt. Da aber arme Menschen den Löwenanteil ihres verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, und Nahrungsmittel seit der Hungerkrise im Jahr 2008 im Durchschnitt heute 40% teurer sind, ist die Erfolgsmeldung nur eine vermeintliche. Wirklich besser wird es diesen Menschen vermutlich nicht gehen. Vieles von den Milleniums Entwicklungszielen ist also auch nicht erreicht worden. Und das wirft die Frage auf: wie weiter? Und was kann man anders machen?

Auf der Rio-Nachfolgekonferenz „Rio+20“ im Juni 2012 fasste die Staatengemeinschaft für die Zeit nach 2015 die Entwicklung von „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ (Sustainable Development Goals) ins Auge. Es wird nun kräftig daran gearbeitet, wie sie aussehen sollen. Sie werden die Milleniums Entwicklungsziele aufgreifen, und in einigen Teilen darüber hinaus gehen. Aber eines ist jetzt schon sichtbar, und wird oft angesprochen (u.a. auf den Konferenzen, von denen unten berichtet wird): ohne eine fundamentalere Adressierung des geltenden ökonomischen Systems wird ein Erreichen dieser Ziele schwer bis unmöglich sein.

Er taucht immer wieder, an allen möglichen Stellen auf: „Agrarwende“, „Ernährungswende“ „business as usual is no option“ – ein Ruf zur Wende. – Eine grosse Transformation steht an.

Wir kennen mittlerweile einige Elemente dieser grossen Transformation (viele davon haben wir in den bisherigen 18 Nexus-Rundbriefen behandelt): Eine grosse Umorientierung, die in kleinen Schritten erfolgt: „Gelingendes Leben“ als Ziel, Kreativität („Talentismus“, aber auch ein Grundeinkommen für alle), Wohlfahrt statt Wohlstand, partizipative Politikgestaltung, Chancengleichheit, Gemeingüterwirtschaft (Commons), freie Bildungswahl, … aber auch einige Kernpunkte: Lebenssteigerung statt ausschliessliche Wachstumsorientierung (in gewissem Sinne eine Entmaterialisierung), Internalisierung externer Effekte (endlich), eher Besteuerung von Verbrauch als von Arbeit, regionale Wirtschaftskreisläufe wo sinnvoll, etc.. – Diese „Bausteine“ der grossen Transformation liegen nun vor uns. Fügen wir sie Stück für Stück zusammen, dann wachsen die Chancen für eine wirklich nachhaltige, zukunftsfähige Entwicklung.

Publikation

Nun endlich ist er online geschaltet, und bereits gedruckt (aber noch nicht gebunden; offizielles launching-Datum ist der 18. September). Der UNCTAD „Trade and Environment Review“ mit unserem Beitrag Ensuring food security and environmental resilience – The need for

supportive agricultural trade rules“ (S. 266) befindet sich hier: ftp://ftp.unctad.org/rafe/review2013/TER_2013_ALL4trim.pdf (Achtung, grosses Dokument)

In dem Artikel begründen wir, warum eine stärkere Ausrichtung der landwirtschaftlichen Welthandelsregeln auf regionale Landwirtschaft positiv für die Ernährungssicherung und die Umwelt wäre (was heute in der WTO so nicht gesehen wird. Generaldirektor Pascal Lamy: „Food must travel“).

Veranstaltungen

Am 24. und 25. Juni fand das UNCTAD Public Symposium statt. Die Nexus Foundation war mit einer Breakout Session „Can a more locally focussed agricultural trade regime reduce hunger and environmental impact?“ vertreten. Es sprachen Sylvia Banda von den Sylvan Food Companies in Zambia, Ulrich Hoffmann, UNCTAD, Christian Häberli, World Trade Institute, Sascha Damaschun, die Regionalen, Deutschland und Peter Lunenborg, vom South Centre in Genf. Auf der Veranstaltung wurde sichtbar, dass regionale Landwirtschaft einen wesentlichen Beitrag zu Ernährungssicherung und Umweltschutz leisten kann. Es bestehen innerhalb des WTO Regelwerks auch Spielräume, um regionale Landwirtschaft zu leben. Allerdings stehen viele systembedingte Gegebenheiten einer Ausbreitung regionaler Landwirtschaft entgegen. Innerhalb des gegebenen ökonomischen Systems gibt es Verbesserungsmöglichkeiten für regionale Landwirtschaft; letztlich müsste jedoch das bestehende System transformiert werden. Die regionale Landwirtschaft selber ist aufgerufen, Ineffizienzen (also nur der Regionalität halber unvernünftige Produktionsschienen zu fahren) zu vermeiden.

Am 3. und 4. Juni fand das Ashoka Globalizer Meeting „Nutrients for All“ in Frankfurt/Main in der Kreditanstalt für Wiederaufbau statt. Nikolai Fuchs stand einigen der Ashoka Fellows (Sozialunternehmern) als Thought Partner in jeweils einstündigen 1:1 Gesprächen für scaling strategies zur Verfügung. Dazu hielt er einen Co-Vortrag zu „Revisiting Economics“ im Kontext „Nutrients for All“ mit dem Ashoka Fellow Harry Jonas. Die Gesamtkonferenz berührte die Frage, dass Nutrients vom Organismus auch aufgeschlossen werden können müssen – was aus unserer Sicht durchaus sinnbildlich für den gesamten Nährstoffhaushalt der globalen Nahrungsmittelaufnahme durch den Menschen zu verstehen ist … Die Sozialunternehmer haben in diesem Gesamtprozess jeweils einen wichtigen Beitrag zu leisten.

Am 8. Mai hielt Nikolai Fuchs einen Vortrag „The Contribution of a Fair World Trade Order to Peace“ in der World Peace Academy in Basel. Handel ist oft mit der Begleitbegründung aufgetreten, einen Beitrag zum Frieden zu leisten (Erhöhung des Wohlstands, und damit der Zufriedenheit der Menschen). Er bringt aber einen grossen Schlagschatten mit sich, wenn er das System „homo oeconomicus“ auf die Menschen überstülpt; wenn Menschen ihr Leben, und die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, selber, in einer gemeinsamen Entscheidung in die Hände nehmen wollen, dann gälte es, diesen Raum zu gewähren, und die souveräne Entscheidung zu respektieren. Hier tut sich das heutige Handelssystem noch schwer. Das weckt viele Widerstände und „social unrest“. Insgesamt stellt sich de Frage, ob das System der Nationalstaaten, wie es sich 1648 im Westfälischen Frieden konstituiert hat, friedensdienlich ist. In diesem Kontext steht auch der folgende Nachtrag zum Rundbrief Nr. 17:

Das moderne Wirtschaftsleben als “Krieg” der Volkswirtschaften?

Nachtrag zum Rundbrief Nr. 17 vom 29. April 2013 In dem Rundbrief ging es um die Nationalstaaten, und dass sie sich möglicherweise überkommen haben. In einem sehr lesenswerten Essay von Peter Sloterdijk („schweizer monat“ Ausgabe 991, Mai 2013) „Du musst dein Leben steigern“, wo Peter Sloterdijk einen neuen, Europäischen Wachstumsbegriff entwickelt (Lebenssteigerung statt blosses Wachstum), macht er die folgende Aussage: „Die Analogie der Unternehmerfunktion zur Offiziersfunktion ergibt sich aus zwei Faktoren, zum einen daraus, dass das moderne Wirtschaftsleben sich seit längerem als ein Krieg der Volkswirtschaften vollzogen hat und immer noch vollzieht, zum anderen daraus, dass die Weltwirtschaft, über die nationalen Mobilisierungen hinaus, wie ein umfassender Feldzug der reichtumsorientierten Fraktion der Menschheit vorangetragen wird.“ (S. 10). Damit ist das, was ich im Rundbrief Nr. 17 herauszustellen versuchte, noch deutlicher akzentuiert – der dauerende gegenseitige Übervorteilungsversuch der Nationalstaaten. In jedem Fall ist so ein „Krieg“ wenig angetan dazu, globale Herausforderungen gemeinsam zielführend anzugehen.

Brief an Pascal Lamy

Zum Ende der ersten drei Nexus-Jahre hat Nikolai Fchs als Synthese seiner Beobachtungen in dieser Zeit einen Brief an Pascal Lamy, Generaldirektor der WTO verfasst. Der Brief behandelt im Kern die Frage des Wachstums. Pascal Lamy hat in den vergangenen Monaten immer wiederholt auf die Wichtigkeit von Wachstum für Fortschritt und Entwicklung hingewiesen. In dem Brief versuchen wir zu begründen, warum, auch in Anlehnung an Peter Sloterdijk (siehe oben, Nachtrag zu Rundbrief Nr. 17 und seinen Begriff der Lebenssteigerung) der blosse Wachstumsdrang sich mit den planetaren Trage-Kapazitäten nicht verträgt. Wir bitten ihn, das zum Ende seiner Amtszeit (sie endet Ende August) auch öffentlich noch einmal anzusprechen.

Wir danken allen Lesern für die bisherige Treue!

Impressum: Nexus Foundation

Nikolai Fuchs