Rundbrief “Nexus” 7, 31. August 2011

Editoral

Werte Interessentin, werter Interessent der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief Nummer 7. Dieser Rundbrief will Ihnen – ausserhalb des üblichen Rundbrief-Rahmens – einen Eindruck eines Landes vermitteln, das wie für ein Labor der Menschheit für das 21. Jahrhundert stehen kann – von Kenia.

Nikolai Fuchs war vom 12. bis 28. August in diesem Land unterwegs, und schildert seine Eindrücke.

Kenia heute

Kenia ist etwa so gross wie Deutschland und die Schweiz zusammen. Seit der Unabhängigkeit 1963 hat sich die Bevölkerung auf heute 40 Millionen Menschen verdreifacht. 43% der Kenianer sind unter 15 Jahren. Im Zuge der Entwicklung ist Kenia zu einem Netto-Nahrungsmittel-Importeur geworden, z.B. wird nur knapp ein Drittel des benötigten Reises, dessen Konsum jährlich um 12% steigt, im Land selber erzeugt. Bis heute leben drei Viertel der kenianischen Bevölkerung auf dem Land, wobei nur ein Viertel der Landesfläche landwirtschaftlich nutzbar ist. Etwa die Hälfte der Menschen lebt an, bzw. unter der Armutsgrenze von 1,25$ Einkommen pro Mensch und Tag. Momentan spielt sich im Länderdreieck Somalia – Äthiopien – Kenia eine Hungerkatastrophe ab. Seit 2005 wird jedem Kind ein Primarschulplatz staatlich garantiert, was aber, auch aufgrund der wachsenden Bevölkerung, vielerorts zu bis zu 100 Schülern pro Klasse führt. Tourismus ist mit über 1 Millionen Besuchern jährlich einer der Haupt-Devisen-Bringer. Kenia lebt ansonsten von der Blumen-, Zement-, Sisal, Soda- und Textilindustrie sowie der Düngemittelherstellung. 8% der Bevölkrung sind HIV-Positiv, die durchschnittliche Lebenswerwartung liegt bei 56,6 Jahren. Die Haupt-Frage ist: wie kann das Land zukunftsfähig gemacht werden, um parallel zu einer Bevölkerungsverdoppelung bis 2050 die Lebensqualität zu erhöhen?

Blumenindustrie

Kenia ist bekannt für seine Blumenindustrie. In bestimmten Regionen reiht sich Gewächshaus an Gewächshaus. Wir besuchen den Lake Naivasha, bekannt als ein Vogelparadies. Am Südufer ist eine dieser grossen Gewächshausanlagen. Die mit dem Komplex verbundene Ortschaft macht einen im Vergleich ordentlichen Eindruck. Schulen und Gesundheitszentrum machen einen gewissen Entwicklungsstand der Region sichtbar. – Ist hier also wahr geworden, was die westliche Entwicklungspolitik lange herausstellte: durch exportorientierte Produktion profitiert die örtliche Bevölkerung? Fast will es so scheinen. Die Aufrufe der Umweltverbände um den See sind allerdings eindeutig: Der Süsssee leidet massiv unter der gesteigerten Wasserentnahme und unter dem teils heftigen Eintrag von Pestiziden. Heute lebt ein Gutteil der lokalen Bevölkerung auch von Tourismus-Einnahmen des Vogelparadieses. Aber das Ökosystem ist deutlich bedroht.

Mir scheint die Antwort auf die Frage, was für die Entwicklung des Landes das Richtige sei, und ob Blumenexport dazu gehören kann oder soll, nicht einfach. Ich lege mir die folgende „Lösung“ zurecht: Langfristig scheint die intensive konventionelle Rosenproduktion weder ökologisch noch sozial nachhaltig. Aber wenn es gelingt, dass das Ökosystem See nicht kippt, und die Kinder der heutigen Farmarbeiter den Zugang zu weiterführender Bildung finden, dann war es vielleicht ein mit Schmerzen verbundener, aber akzeptabler Zwischenschritt – neben anderen – auf dem Weg zu einem besseren Afrika.

Slum-Schule

Wir besuchen eine Schule, die zwischen den beiden Gross-Slums von Nairobi liegt. Obwohl Ferien sind, tummeln sich Kinder in ihren Schuluniformen auf dem Schulhof. Sie sind eigens für uns zusammen getrommelt worden. Die Schule, die sich auf Elterninitiative hin, als es noch kein – ausserhalb der Slums – allgemeines Schulangebot gab, gegründet hat, umfasst gut 400 Kinder. Seitdem das World-Food-Program wegen der Hungersnot im Norden die mittägliche, freie Verpflegung eingestellt hat, sind aber 110 Kinder der Schule fern geblieben, da sie sich jetzt auf andere Art und Weise um etwas zu Essen kümmern müssen (die Strassen absuchen etc..). Seither bekommen zwei Drittel der Kinder nicht mehr eine tägliche Mahlzeit. Die Lehrer, die etwa 40 Franken zum Überleben im Monat bräuchten bekommen nur 25 Euro, und das auch nur während der Schulzeit, also nicht in den Ferien. Die Schule trägt sich durch die Eltern-Beiträge. Ein kleiner Schulgarten und ein paar Kaninchen sollen die Lebensmittelsituation verbessern helfen.

Eine andere Reisegruppe hatte mal ein Gerät zur Lehmziegel-Herstellung gespendet, damit die Schule sich ein Zusatzeinkommen verdienen könnte. Dieses Gerät stand bislang aber still, da zum Einen bemerkt wurde, dass man Öl für die Ziegel bräuchte (was teuer ist), und zum Anderen die Kinder beim Spielen mit dem Gerät den Hebel abbrachen – schöner kann man „Entwicklungshilfe“ nicht ins Bild setzen.

Die Kinder singen uns Lieder vor, mit dem sie den 4. Platz beim nationalen Schulwettbewerb geschafft hatten! Wir lassen Geld für eine Schubkarre und etwas „Ferienlohn“ für die Lehrer da…

Es war ein Erlebnis, wie konzentriert und lernbegierig die Kinder waren.

Ananas-Produktion

Nördlich von Nairobi liegt die Stadt „Thika“. Wiederum nördlich von ihr erstrecken sich, so weit das Auge reicht, die Ananas-Plantagen von Del Monte. Wie Soldatenheere reihen sich die blaugelben Pflanzen Stück an Stück, eng gedrängt, kein Unkraut befindet sich dazwischen. Und ungewohnt für das Auge: Es sind keine Menschen, wie sonst in dieser Landschaft, in den Feldern. Lediglich alle paar hundert Meter steht ein Wachturm (auch das gibt den Anlagen etwas Militärisches), mit einem Keniaer darin, der sich über die Abwechslung freut, wenn man ihm zuwinkt. Am hellichten Tage (d.h. bei direkter Sonneneinstrahlung) läuft die Sprinkler-Bewässerung. Seit dem sich die Waldfläche Kenias in den letzten Jahrzehnten von knapp 30% auf 3% reduziert hat, ist das Flusswasser noch knapper geworden. Der Hunger im Norden ist auf eine Jahrhundert-Trockenheit zurück zu führen. Vor diesem Hintergrund wirkt Bewässerung als solche, aber insbesondere auch diese veraltete Technik, deplaziert an.

Sicher, irgend woher müssen die Ananas in der Dose her kommen. Aber wenn diese Art von Spezialisierung die Zukunft Afrikas sein soll, dann fragt man sich, wie das ökologisch und sozial nachhaltig zu bewerkstelligen sein soll.

Die Mengen und der Vermarktungsaufwand von Ananas an den Strassen von Kleinbauern wirken vor dem Hintergrund der Del Monte-Felder fast rührend. Aber diese Eigeninitiative hat dennoch etwas Dynamisches, und auch Selbstbestimmtes.

Reisanbau

Etwas weiter nördlich von den Ananas Plantagen, am Fusse der Hügel des Mount Kenia, ist Reisanbau-Gebiet. Die Wassermenge reicht hier bislang für eine Ernte pro Jahr. Reis ist ein zunehmend populäres Nahrungsmittel, auch in Zentralafrika. Es verdrängt die traditionelle Nahrung aus Süsskartoffeln und Bohnen. Der kenianische Reis ist, vielleicht wegen seiner einmaligen Ernte, als gut duftend bekannt. So wird viel kenianischer Reis ausgeführt, und dagenen meist asiatischer Reis eingeführt.

Begleitet von ziemlichen Revolten haben vor ca. 20 Jahren die Reisfarmer versucht sich eigene Landtitel zu ertrotzen. Heute können sie das Land verpachten und beleihen. Zur Zeit werden mit einem Grosskredit aus Japan die Dammkapazitäten erhöht, wodurch sich eine zweimalige Ernte pro Jahr realisieren lassen soll. Es wird mit einer Ertragssteigerung von bis zu 100% gerechnet.

Die Auswirkungen des Intensivierungs-Projektes auf die Umwelt kann ich nicht abschätzen und beurteilen. Für die Gesellschaft verspricht es aber einiges an Prosperität.

Weizenanbau

Auf dem Weg in den Südwesten des Landes kommen wir durch trockenes, aber auch der Not gehorchend durch landwirtschaftlich bebautes Land. Aber der Mais steht spärlich bis schlecht. Nun kann man verstehen, dass in der Entwicklungshilfe oft von der mangelnden Produktivität der Kleinbauern-Landwirtschaft gesprochen wird – hier kann man sie besichtigen.

Ein Geländestufe hinauf fahren wir auf einmal durch sehr gut stehende Weizenfelder – damit hatte ich nicht gerechnet. In der leicht hügeligen Landschaft stehen noch grosse Bäume in den Feldern. Alles macht einen landwirtschaftlich guten Eindruck. Die modernen Ernte-Maschinen werden von Kenianern bewegt, und der Weizen wird im Dorf getrocknet. Auch die Maschinenpflege scheint im Ort statt zu finden. Man müsste die Umstände näher untersuchen. Aber es ist auf jeden Fall ein Beleg, dass hoch produktive Landwirtschaft in einem augenscheinlich integrierten Umfeld gelingen kann.

Makadamia-Nüsse; eine neue Geschäftsidee

Die Hügel Richtung Mt. Kenia hinauf erreichen wir Embu, eine kleine Hauptstadt der Provinz gleichen Namens. Im Hinterland dieses Städtchens fahren wir immer tiefer in traditionelles Kleinbauernland der Kikuyu, der grössten und bestimmendsten Volksgruppe Kenias, hinein. In kleinen Parzellen wird traditionell Kaffee angebaut, wobei immer tiefere Preise, bis zum Schluss gut 20 Rappen pro Kilogramm, den ganzen Bauernstand dort verarmen liessen. Umso mehr horchte man auf, als die Geschäftsidee aufkam, die ursprünglich als Schattenbäume und Windbrecher in die Kaffefelder gepflanzten Makadamia-Bäume über ihre Früchte zu nutzen. Die neue Geschäftsidee fusst auf zwei Säulen: einmal organischer Anbau, und zum anderen ein „open account-System“. – Alle Geschäftsprozesse werden via Intranet allen Prozessbeteiligten permanent zugänglich gemacht: Die vom Bauern persönlich angefahrene Ernte wird per Fingerabdruck registriert, und jede Kiste mit einem Barcode versehen. Das Knacken der Nüsse wird von den Bauern oder ihren Kindern selber ausgeführt, und damit gegenüber den heutigen Ganz-Nuss-Exporten nach China im Land mit der Wertsteigerung versehen.

Die Verpackung geschieht noch vor Ort, und jede Tüte trägt zum Schluss den Namen, das Bild und die Email-Adresse des Bauern, der die Nüsse erzeugt hat. D.h. der Kunde kann mit dem Bauern direkt Kontakt aufnehmen, und sich über die Ware austauschen. Mit diesem System kann der Zwischenhandel (die „Broker“ wie es vor Ort heisst), der bislang mit für die Preismisere der Bauern verantwortlich war (die Marge wurde immer vom Handel eingestrichen) überbrückt werden), und die Ernte kann so stattfinden, wie die Reife der Früchte anfällt, bzw. diese vom Baum fallen (früher musste zum Erntetermin mit Stöcken die Früchte vom Baum geschlagen werden, was diese nachhaltig negativ beeinflusste). Die Bruch-Nüsse werden zu Öl verarbeitet, mit den Schalen wird die Heizung für die Trocknung betrieben – ein rundes System. Mit diesem System verdienen die Bauern auf einen Schlag 450% mehr mit ihren Nüssen. Nach nur eineinhalb Jahren stehen bereits 5000 Bauern auf der Warteliste, und 147 konnten schon ökologisch voll zertifiziert werden, 740 sind schon in das System eingebunden. Ein Bauer nach seinen Motiven zum Mitmachen gefragt, antwortete: er bekomme endlich ein Gesicht.

Neben dem, dass vor allem durch verstärkte Nachfrage aus China der Kaffeepreis anzieht, hiess es: wenn diese Entwicklung jetzt mal fünf bis zehn Jahre anhält, dann wird Kenia ein anderes Land sein. Die Kinder eines beteiligten pensionierten Lehrers und Künstlers studieren an der Universität z.B. Juristik: ein hoffnungsgebendes Signal an die ganze Umgebung.

Jetzt soll in lokale Baumschulen für Makadamia-Nussbäume investiert werden. Welcher Betrag soll/muss sinnvoller weise selber aufgebracht werden, was wäre ein zu fördernder Anteil? Darum dreht sich das Gespräch mit den Initiatoren, die sich natürlich ein Benefit unseres Besuches versprechen.

Der vielschichte und vielfältige Anbau im Hügelland hatte ein wohltätige Ausstrahlung. Frische, klare Bäche schlängelten sich durch die Täler. Wenn die Preise so hoch bleiben, kann, meiner Ansicht nach, ein Gutteil der Landflucht gestoppt werden.

Kleinbäuerinnen

Etwa auf der Höhe der in trockenerer Landschaft liegenden Del Monte Ananas Plantagen besuchen wir an zwei Tagen zwei Kleinbäuerinnen-Initiativen. Eine lässt sich über eine gut ausgebaute Strasse erreichen, während die andere nur über abenteuerliche Feldwege zu erreichen ist (auf dem Rückweg hindert uns ein überladener „Lorry“, der an einem Hang zum Stillstand gekommen ist, an der Weiterfahrt). Während die Männer in der Stadt arbeiten (bzw. Arbeit suchen), sind die Frauen für die Familienversorgung zuständig. Sie leben zum Teil als mehrere Frauen (in Kenia ist noch vielerorts die Polygamie üblich) in einer Gemeinschaft mit den oft vielen Kindern (die älteren Frauen gefagt, wieviele Kinder sie denn hätten, antworteten „11“, oder auch mal „15“). Die in der ersten Aufteilung nach der Unabhängigkeit vor 50 Jahren oft 1,25 ha grossen Grundstücke wurden im Zuge der Erbteilung oft schon kleiner. Auf diesem Land werden Bananen, Bohnen, Mangos, Papaya, Avocados, Mais und Süsskartoffeln angepflanzt. Traditionell gehören 1 – 2 Kühe, 2 – 3 Ziegen und einige Hühner zum Hausstand. Das neben Land knappste Gut ist Wasser. Wir besuchen Kleinbäuerinnen-Gruppen, die vor einigen Jahren mit Regenwasser-Sammeltanks ausgestattet wurden, was Ihnen den Haushaltsbedarf sicher stellt, aber nicht die Bewässerung. Also werden Brunnenanlagen gewünscht. Auch hier stellt sich die Frage einer sinnvollen Förderung. Vor allem aber haben die Bäuerinnen-Gruppen Geldgemeinschaften („banks without walls“) gegründet. Erspartes wird zusammengelegt und dann mit einem 10% Zinssatz für maximal 22 Monate an Mitglieder verliehen, die drei Bürginnen, davon eine aus der Famile, mitbringen müssen. Die Gruppen sind im Schnitt 30 Personen stark, was sich als optimale Grösse heraus gestellt hat. Mit diesen kleinen Krediten konnte die eine Gruppe schon die Hälfte der Geschäftshäuser des Dorfes betreiben – eine Gesundheitssation, ein „Hotel“, etc.. Über die Selbstversorgung hinausreichendeErträge werden auf den Märkten der Umgebung, bis hin nach Thika verkauft. Dieses System hilft den Frauen aus der Männer gebundenen Abhängigkeit hinaus. Sie schienen die neuen Herausforderungen gerne anzunehmen.

Diese Kleinbäuerinnen-Initiativen werden von der Organisation SACDEP (Sustainable Agriculture Community Development Project) betreut. Diese Organisation hat in den letzten 17 Jahren mit heute rund 45 Mitarbeitern rund 50.000 Höfe erreicht. Sie stellt Beratung sicher und bietet Schulungen an, z.B. für die Organsition von Kreditgemeinschaften. Der Chef der Einrichtung, Mutura, schildert uns in einem eindrücklichen Vortrag seine Einschätzung der Lage und die Arbeitsansätze von SACDEP. Danach leben die Berater in der Region die sie beraten, um ihre besonderen Lebensverhältnisse zu verstehen (Kenia ist sehr vielgestaltig). Sie beraten bis zu 20 Initiativen, verstärkt auch in Fragen alternativer Energien wie Biogas. Je marginaler die Region, umso weniger greifen Gross-Lösungen. Für Kenia gilt: 80% der Bevölkerung brauchen angepasste Lösungen. Die Regierung und die Universitäten handeln aber noch nach dem Mantra der grosstechnischen Lösung. Aber zunehmend werden bei der Regierung aber auch Stimmen wie die von SACDEP gehört…

Vorläufiges Fazit

Kenia präsentiert sich als ein Land, das, so die nach zwei Wochen letztlich doch flüchtige Wahrnehmung, ökologisch in weiten Teilen durch Übernutzung und Entwaldung auf der Kippe zur fortschreitenden Wüstenbildung steht. Sozial fragt man sich, wie das ohnehin stark von Armut geprägte Land das vorausgesagte Bevölkerungswachstum von 100% auf 80 Millionen bis 2050 noch verkraften kann. Die Hälfte der Bevölkerung hat schon heute keine Perspektive auf Entwicklung. Die grossflächige Export-Wirtschaft bringt zwar Devisen und erhöht das BIP, die aber nicht, oder nur ungenügend, der Entwicklung des Landes zugute kommen(knapp die Hälfte des Landesvermögens soll sich ausserhalb des Landes befinden). Das höchste Bevölkerungswachstum und der grösste Hunger ist auf dem Land. Hier muss die Bildung hin, die letztlich die Geburtenzahlen reduziert. „Kleinbauernförderung“ hat ja einen leicht rückständigen Geruch. Durch moderne Informationstechnologie (die, siehe Handy-Bezahlung, zum Teil in Kenia weiterentwickelt ist als im Rest der Welt), wie open account und Mikrofinanzsysteme kann das kleine und Viel-Parzellierte die grossen Monokultur-Systeme wie eine Dinosaurier-Technologie aussehen lassen. Letztlich scheinen diese Vielparzellierten Systeme besser zur Natur mit ihren ökologischen Ansprüchen und dem menschlichen Bedürfnis nach Gesellschaft und sinnvoller, abwechslungsreicher Arbeit zu entsprechen.

Damit soll die vielfältige Struktur nicht zu einer Ideologie über andere hochstilisiert werden. Aber Diversität scheint mir in diesem Zusammenhang ein Zauberwort zu sein. Es ist in der Vergangenehit immer deutlicher geworden, dass „one size fits all“ – Lösungen oft keine sind. Es ist ja auch heute schon viel von angepassten Technologien die Rede. Aber für die gibt es nicht immer „Strategien“, da Strategien ja meist das Grosse vor Augen haben. „The change starts with us“ sagten einige Kenianer. Das ist der Kern. Entwicklungshilfe, oder was auch immer wir darunter verstehen, kann daheraus nur flankierend erfolgen. Entwicklungshilfe kann nur die schlechten, und zu einem guten Teil nicht selbst verschuldeten Startbedingungen in eine bessere Zukunft verbessern helfen. Nur wo ein Wille zur Veränderung vorhanden ist, und sich ggfs. auch ohne Hilfe materialisieren würde, wird unterstützend unter die Arme gegriffen, so könnte ein Leitmotto für die Entwicklungshilfe lauten (so nicht stattgefunden bei der suppressiven Einführung der Gentechnik in Kenia. Das war wieder Entwicklungshilfe für die westliche Welt). Wenn die UN Millenniums-Entwicklungsziele, wenn auch irgendwann, erreicht werden wollen, so müssen allerdings die Benachteiligungen für die Entwicklungsländer aufhören. Dazu gehört das nach wie vor unfaire Welthandelssystem. Dieses System versucht z.B. immer noch, Kenia zu einem (landwirtschaftliche) Rohstoffe exportierenden Land zu machen, während die eigentliche Wertschöpfung durch die Verarbeitung in anderen Ländern abgeschöpft wird. Subventionierte Produkte aus dem Westen machen den Kenanern das Leben schwer. Die vorherrschende Markt- und Handelsideologie verhindert Entwicklung – zumindest in der Landwirtschaft, zumindest auf dem Land. Aber die Menschen dort werden nur zu Konsumenten auch westlicher Technologie und Produkte, wenn sie sich entwickeln dürfen. Und damit wäre dem Westen in Ende, davon bin ich überzeugt, besser gedient.

Die Kenia-Reise hat in mir die Überzeugung gestärkt, dass sich eine gesunde ländliche Ökonomie in konzentrischen Kreisen entwickelt: eine gesunde Haushaltsökonomie entsteht durch eine sinnvolle Lokal- und Regional-Ökonomie. Diese erzeugt gewisse Überschüsse, mit denen man Teil des nationalen und globalen Handelssystems werden kann. Ja, es gibt auch industrielle Landwirtschaft in dafür geeigneten Lagen (wie sollten sonst die Mega-Cities versorgt werden). Sie muss aber ebenfalls unter Mithilfe von Hightech nachhaltig gestaltet werden. Und sie darf ihrökonomische Denken nicht den kleiner strukturierten ländlichen Rgionen überstülpen. Sondern die ländliche Ökonomie sollte das Leitmotoiv für eine auf Armut und Hunger Reduzierung zielende Entwicklungspolitik werden. Das ist zunächst vielleicht ein bisschen anstrengender, aber auch lohnender.

Hoffnung

Viele der oben genannten Schilderungen, die auch unter dem Motto „Pleiten, Pech und Pannen“ subsummiert werden könnten haben das Bild von Afrika als einem „lost continent“ entstehen lassen. In der Tat kann von einem gewissen Gesichtspunkt aus die Perspektivlosigkeit für viele Menschen dort deprimiert stimmen. Taucht man aber durch die verallgemeinernde Schicht hindurch und trifft einzelne Menschen, dann trifft man durch sie bzw. in ihnen auf eine Hoffnung für die Zukunft, die ganz real ist: ob es die Kinder in der Slumschule oder die Unternehmer der Makadamia-Nüsse sind: überall wird fest an Zukunftsmöglichkeiten geglaubt. Ja, mehr noch, es ist ein Wille erlebbar, Kenia innerhalb von 5 – 10 Jahren zu einem 2.-Welt-Land, wie sie es formulieren, zu machen. Man trifft Menschen, die in Afrika den Kontinent der Zukunft sehen, so vielleicht ab 2050. Hätte einem vor 20 Jahren jemand gesagt, wo China heute weltpolitisch steht, man hätte es kaum geglaubt (z.B. Haupt-Gläubiger der USA). Ich erinnere gut die Stimmung in Brasilien in 2004: Immer wieder hatte das Land versucht, sich zu konsolidieren, und immer wieder war es gescheitert. Aber man spürte: es fehlt nicht mehr viel. Und wirklich, in 2006 trat das Schwellenland dann über die Schwelle. Ich kann mir das auch für Afrika vorstellen. Aber es kann noch 30 – 40 Jahre dauern. Es müssen vermutlich nur genügend Menschen daran glauben, und diese Vision pflegen und nicht aufgeben.

Lebe-Wohl

Die erste Frage, noch bevor man sich richtig kennen gelernt hat, der Keniaer war meist, wann man wiederkomme. Und, klar, mancher wünschte sich von unserem Besuch auch irgendwelche materielle Benefite. Aber ganz überwiegend war deutlich, bis hin zur Slum-Schule, dass die Menschen es als ein Geschenk wahrgenommen haben, dass man sich interessierte. Dass sie -besuchen-kommen war keine Last, sondern Freude.

Eines war ihnen oft zum Schluss ganz wichtig zu sagen: „Vergesst uns nicht!“

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