Rundbrief “Nexus” 9, 31. Dezember 2011

Editoral

Werte Interessentin, werter Interessent der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief Nummer 9. Das Jahresende eignet sich nicht nur für Rück- und Ausblicke, sondern auch zum Aufräumen, Sortieren und Resümieren. So soll dieser Rundbrief die aktuelle Lage im Hinblick auf die Wirtschaft – insofern sie die Hungerfrage betrifft – analysieren und eine Art Zwischenfazit ziehen. Wir wünschen interessante Lektüre!

Kapitalismus – braucht es ein neues Werte- und Wirtschaftssystem?

Sind im letzten Jahrzehnt seit der Ausrufung der Milleniums-Entwicklungsziele (z.B. Halbierung von Armut und Hunger) kaum Fortschritte erzielt worden, so hat sie Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 viele zusätzliche Menschen in prekäre Lebenssituationen gebracht. Das hat das Hungerproblem weiter verschärft. Damit drängt sich die Frage auf: Ist das Hungerproblem im jetzigen Werte- und Wirtschaftssystem überhaupt lösbar?

Über Kapitalismus zu sprechen hat immer noch leicht den Geruch von Klassenkampf. Aber ich halte es mit Heiner Geiβler (CDU), der kürzlich (15.12.) in einem ZEIT-Interview sagte: „Jeder vernünftige Mensch muss heute Kapitalismuskritik üben“. Nun, wohlan, aber wir wollen nicht bei einer Kritik stehen bleiben.

Durch die Finanz- und die daraus erwachsene Wirtschaftskrise, sowie die drohenden Staatspleiten und den wackelnden Euro – und bald wohl wieder zu rettende Grossbanken – ist das Wirtschafts- (und Werte-)System des Kapitalismus in die Diskussion gekommen. Zum Beispiel veröffentlicht die ZEIT jede Woche etwas Interessantes zum Thema, und das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) führte im Oktober eine Veranstaltung zu dem Thema durch, wo wir teilnehmen konnten.

Bis 2008 war in etwa die geltende Stimmung: der real existierende Sozialismus ist spätestens 1989 durch das erfolgreichere kapitalistische System ersetzt worden. Das bessere System hätte sich schlicht durchgesetzt. Allerdings erinnere ich noch gut, wie Deutschland vor 1989 eigentlich schon an seine (wirtschaftlichen, und damit systemaren) Grenzen gestossen war. Die Wirtschaftsmaschine kam bereits ins Stottern. Mit dem Mauerfall und den damit sich auf einmal rasant öffnenden Märkten war erstmal jedoch wieder Wachstumsland (für den ganzen Westen) gegeben, die Fragen an das eigene System verschwanden wieder. Jetzt, gut 21 Jahre später, erweist sich das kapitalistische System nicht mehr als das relativ vorzügliche gegenüber dem Sozialistischen, sondern stösst an seine eigenen Grenzen, bzw. droht sich selber zu überkommen. Woran kann das liegen?

Die Grundannahmen des Kapitalismus

Was sind die Grundannahmen des Systems Kapitalismus? Kapital ist eines der drei klassischen Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden. Neuerdings kommen andere Faktoren wie z.B. Wissen noch hinzu. Eng mit den Produktionsfaktoren ist im Kapitalismus der Eigentumsbegriff verbunden. Mit dem, was mir gehört, kann ich Initiative entwickeln, so die Grundannahme. Der Einsatz dieser Initiative kann – und sollte – sich dabei lohnen, also auszahlen. Wer kein Kapital oder Boden hat hat Arbeitskraft, die er einem „Arbeitgeber“ als „Arbeitnehmer“ „verkauft“. Der „Lohn“ ist dabei das Lohnende des Einsatzes der Arbeitskraft. Boden kann man verpachten, das Lohnende dabei ist der Pachtzins, und Kapital kann man verleihen, das Lohnende davon ist der Kapitalzins (beim Wissen sind es die Intellectual Property Rights mit Patenten, auf die es Nutzungsgebühren gibt). In dem System sind Vermehrungsmechanismen veranlagt – wer geschickt mit seinem Eigentum umgeht, bekommt viel Lohn (wie auch immer), und dadurch vermehrt sich das Eigentum. Viel Eigentum – „Vermögen“ – verleiht Macht, und Macht ist in gutem Sinne gleich Handlungsmöglichkeit. Macht kann man mit unterschiedlichen Zielsetzungen einsetzen. Machtakkumulation verleitet jedoch unter anderem zu Ineffizienzien und Unterdrückung von anderen. Deshalb sind im Kapitalismus Mechanismen veranlagt worden, die das Streben nach stetiger Verbesserung wach halten sollen. Dabei ist vor allem der Wettbewerbsgedanke fest im kapitalistischen System verankert. Um das Vermögen mehren zu können muss man besser sein als Andere. Man muss also aus dem Gegebenen das Bestmögliche machen. Dieser Mechanismus erhöht die Effizienz der Produktionsfaktoren. Um den Wettbewerb aufrecht zu erhalten gibt es z.B. Kartellgesetze die verhindern sollen, dass sich Monopole – also Einzelmachtstellungen – bilden. Daneben führen die Zinszahlungen – also die Gebühr für die Überlassung des fremden Eigentums wie Boden oder Kapital für meine eigene Nutzung – dazu, dass sich die Faktorproduktivität laufend verbessern muss. Das gelingt am besten – oder eigentlich nur – durch Wachstum. Nur Wachstum veschafft den Spielraum, Zinsen zahlen zu können und das Vermögen zu mehren.

Grenzen des Kapitalismus

Solange Produktionsfaktoren brach liegen und noch in die Wirtschaft integriert werden können ist Wachstum möglich. Beim Boden kann man Wald roden, um Landwirtschaft zu betreiben (wie es z.B. in Brasilien und Sumatra heute noch geschieht). Oder man kann die Bodenproduktivität durch so genannte ‹inputs› wie Dünger erhöhen. Oder die Mauer fällt wie 1989, und man kann ehemalig schlecht bewirtschaftete DDR-Flächen mit moderner Landwirtschaft produktiver machen. Im Bereich Arbeit können so genannte Arbeitskräfte durch Bevölkerungswachstum hinzukommen, oder sich in Qualifizierungsprogrammen verbessern („Fachkräfte“). Und Kapital kann sich vermehren, indem über Gold hinaus Werte geschaffen werden, die als Deckung für die Geldmenge in Ansatz gebracht werden können. Wissen ist im Prinzip unendlich mehrbar, weshalb man heute auch von „wissensbasierter Ökonomie“ spricht (und die EU bis 2010 zur grössten wissensbasierten Ökonomie der Welt aufsteigen wollte).

Bestimmte Ressourcen sind jedoch endlich. Am Produktionsfaktor Boden (und Wasser) wird es jetzt bereit deutlich: die Landwirtschaftsfläche ist kaum mehr ausdehnbar, da der verbliebene Regenwald als „Lunge der Erde“ essentiell ist. Ertragssteigerungen durch inputs sind kaum mehr möglich. Neben der Endlichkeit des essentiellen Phosphor ist der Klima-Fussabdruck künstlicher Stickstofferzeugung so hoch, dass eine Fortsetzung im heutigen Umfang bald unwahrscheinlich erscheint. Und die Wissensbasierte (und patentierbare) grüne Biotechnologie, an sich ein Paradebeispiel für kapitalistische Dynamik, stösst an ökologische (Superunkräuter) und soziale (abhängigkeitsschaffende) Grenzen.

Im Bereich des Produktionsfaktors Arbeit hat die Umschichtung von der Industrie- zum Dienstleistungssektor, also an sich der Zug der Zeit, das Bruttoinlandsprodukt z.B. in den USA eher vermindert – eine Frisörinnenstunde bringt weniger als eine Arbeitsstunde in der Industrie. Insofern arbeitet die USA an einer Re-Industrialisierung der nationalen Ökonomie. – Offensichtlich passt der Kapitalismus besser zur Industrie- als zur Dienstleistungsgesellschaft.

Und das Kapital sucht immer neue Märkte und neue Anlagemöglichkeiten. Die Subprime Krise hat jedoch sichtbar gemacht, dass nur auf Wertsteigerung (hier: von Häusern) gebaute Amortisierung von Kapital letztlich nicht nachhaltig ist. Die Realökonomie hat mit dem geldbasierten (z.B. Derivate) Wirtschaftswachstum letztlich nicht Schritt gehalten.

Die treibenden Kräfte haben die Besonnenheits-Kräfte im Kapitalismus überholt

Gerade (am 21.12.) kommen zwei Meldungen herein, die vielleicht zum Thema passen: eine russische Milliardärstochter hat sich für 88 Millionen Dollar eine 626qm grosse Wohnung am Central Park in New York von einem Banker gekauft (der bislang höchste Preis für eine Immobilie in New York waren für ein Haus 75 Millionen Dollar gewesen). Der Vater ist mit Düngemitteln reich geworden.

Die zweite Meldung betrifft Fukushima. Der Staat Japan kauft sich für umgerechnet 12 Milliarden Franken in das Betreiberunternehmen Tepco ein. Die Abschaltung des Unglücksreaktors wird vermutlich 40 Jahre dauern. (Wir fragen hier nicht, wie es den Bauern ging während der Düngemittelfabrikant reich wurde; wir fragen auch nicht, was der Kauf dieser Wohnung für das übrige Mietniveau und damit für die Umverteilung von unten nach oben in New York bedeutet, und wir fragen auch nicht, wohin die Gewinne von Tepco in den letzten Jahren geflossen sind, wo der Reaktor ungenügend gesichert wurde).

Die beiden Meldungen könnten als Illustrationen für das geltende System herangezogen werden: Die Gewinne werden im entfesselten Kapitalismus Privatisiert, die Kosten Sozialisiert.

Adam Smiths Theorie, dass es der Gesamtwirtschaft und dem Gesamtwohlstand am besten tut, solange jeder sein Eigeninteresse mit den Produktionsfaktoren verfolgt, konnte ihre Nagelprobe nie erfahren, solange die Produktionsbasis ausgedehnt werden konnte. Man spürt der Theorie jedoch schon an, dass irgend etwas mit ihr nicht stimmen kann. Wie soll – kurz gefasst – Egoismus altruistisch wirken? Es wäre ja zu schön um wahr zu sein. Nicht umsonst spricht man von „Eroberung der Märkte“, von „Landgrab“ und dergleichen. Da ist immer auch ein Stück Gewalttätigkeit im Spiel. Wie soll das allen gut tun. Bei ausdehnbaren Ressourcen ging dieses Modell noch auf und vor allem mit der moralischen Implikation, die damals, zu Smith’s Zeiten noch selbstverständlich gegeben war: die Sozialbindung des Eigentums. Der Patron, der für sich für seine Mitarbeiter verantwortlich fühlte etc.. Mit der Anonymisierung der Märkte verlor diese moralische Implikation an Kraft. Familienunternehmen sind durch Aktiengesellschaften ersetzt worden. Da wirkt zwar noch der Eigentumsgedanke, auch stabilisierend, aber es gilt fast ausschliesslich die Renditeorientierung. Eigentum als Recht auf Ertrag, während man die Haftung oftmals scheut. Und das wirkt sich vor allem bei den Banken gravierend aus. Kapital ist zur Ware geworden, mit der man Gewinn bringend wirtschaftet (anstatt den Dienstleistungsgedanken in den Vordergrund zu stellen). Durch Deregulierung dieses Marktes hat er eine unkontrollierbare Dynamik entfaltet. Die Gier der Banker, das Dollarzeichen im Auge, ist Bild geworden und hat innerhalb kürzester Zeit den an sich seriösen Ruf einer ganzen Branche ruiniert. Oft spricht man in diesem Zusammenhang vom „entfesselten“, vom „Raubtier-“ oder gar „Kasino“-Kapitalismus.

Jede Form von „Sozialer Marktwirtschaft“ versucht, die Auswüchse des Kapitalismus einzugrenzen bzw. die „Früchte“ des Systems für alle verfügbar zu machen. Denn wo es – wie bei jedem Wettbewerb – Gewinner gibt, da gibt es Verlierer. Entgegen allen Theorien, dass die Armen vom Reichtum letztlich profitieren – und eine Mittelschicht tut es – mittelfristig (dann geht es entweder auf- (für Wenige) oder abwärts (für Viele)) – ist der Sockel der Armen global gesehen nicht kleiner geworden. Dass auf dem kleinen Planeten Erde ein Siebtel der Menschheit hungert, ist trauriger Ausdruck davon. Und allen Ankündigungen zum Trotz wurden die sozialen Netze, die geknüpft werden sollten, um die Verlierer aufzufangen, nicht eng genug geknüpft. Von den 0,7% des Bruttoinlandproduktes, das die Staaten mit Selbstverpflichtung für Entwicklungshilfe ausgeben wollten, fliessen im Schnitt nur 0,4% – weil das Eigeninteresse der Staaten zu stark ist – mit gravierenden Folgen. Viele Menschen leben in zum Teil äusserts prekären Lebensumständen, oder verhungern gar. Gravierend sowieso aus moralischer Sicht. Gravierend aber auch, weil die Staaten – wir – innerhalb der UNO die Menschenrechtscharta ausgearbeitet und unterschrieben haben. Sonst könnte man ja sagen: gut, es gibt eben Verlierer. Mit unserer Verpflichtung gegenüber den Menschenrechten haben wir uns aber zu einem menschenwürdigen Leben für alle Menschen verpflichtet. Halten wir uns nicht daran, nehmen wir uns selber nicht ernst. Und das stellt Fragen an das System, in dem wir leben. Wenn der Kapitalismus seine Sozialbindung einbüsst, wird er ungeniessbar. Diese Fragen müssen wir angehen.

Zu den sozialen Spannungen der Ungleichheit treten heute die ökologischen Missstände. Wir verbrauchen momentan 1,4 Erden, mit steigender Tendenz. Jetzt, wo die ökologischen Implikationen hinzutreten, ist es die „Öko-Soziale Marktwirtschaft“, von der man sich für die Zukunft Lösungen verspricht. Zum sozialen Ausgleich tritt die Berücksichtigung ökologischer Bedingungen. „Greening the economy“ ist zudem der Versuch, Wachstum zu erzeugen, das jedoch nicht das Natur-Kapital künftiger Generationen verbraucht. Die Befürchtungen, dass mit der „green economy“ jedoch nur „green washing“ betrieben wird, sind allerdings real – das Profitinteresse erzeugt immer gesteigerten Verbrauch.

Occupy wall street

Die geltende Stimmung, dass der Kapitalismus vielleicht nicht das best denkbare, aber das derzeit beste verfügbare Gesellschafts-System ist, sieht sich momentan einigem Druck ausgesetzt. Die Occupy Wall Street Bewegung ist da. Allerdings akzentuiert die Sprach- und Konzeptlosigkeit dieser Bewegung nur noch die scheinbare Alternative-Losigkeit. Marktmechanismen und Wettbewerb gelten immer noch als conditio sine qua non, um gesellschaftlichen Wohlstand zu sichern bzw. auszubauen. Wettbewerb scheint das dem Menschen angemessendste System zu sein.

- Es scheint. Und tatsächlich sind Foren zur „Postwachstumsgesellschaft“, zu „Weniger ist Mehr“ etc. heute Randerscheinungen. Und in der Tat bietet der Kapitalismus ja auch Freiräume, die kein anderes System so bietet: Man kann im Kapitalismus ja nachhaltige Produkte kaufen und konsumieren, man kann sein Geld bei einer alternativen Bank anlegen, man kann… Insofern ist der Kapitalismus an sich ein freiheitliches, gestaltbares System. Um seine Dynamik zu erhalten gibt es jedoch Kräfte, die zur Entgrenzung, und zur Aufhebung der Sozialbindung drängen (und sich letztlich durchsetzen) – und diese Entgrenzung ist dann zerstörerisch. Die spannende Frage lautet daher: gibt es tatsächlich keine Alternative zum Kapitalismus, oder können, bzw. wollen wir sie nicht denken? Muss vielleicht das ganze System zusammenbrechen, bevor eine neue Zeit beginnen kann? Die Finanzkrise von 2008 hat, trotz vieler Diskussionen, nichts daran geändert, dass mit leichten Modifikationen eine „weiter so“ Politik betrieben wurde. Nun stehen nicht nur einzelne Banken, jetzt steht das ganze System zur Disposition. Dieses System hat die Politik fest im Griff. In der heutigen Verfasstheit ist sie zu einer Korrektur zu schwach, zu sehr hat sie das Primat an die Wirtschaft abgegeben – eine Folge der kapitalistischen Logik. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte wurde der gezähmte Kapitalismus aufgegeben. Das hat nochmal einen Wachstumsschub (2000 – 2008) ausgelöst. Aber nun wird es richtig eng (das System wird schon noch eine Zeit lang weiter leben, aber es hat seine Deckung, seine Legitimation verloren).

Natürlich kann man über Re-Regulierung nachdenken, auch über Verstaatlichung von Unternehmen, wie es faktisch bei manchen Banken und Unternehmen schon geschah und noch geschehen wird. Ich persönlich glaube allerdings, dass der entfesselte kapitalistische Geist nicht mehr zurück in die Flasche zu stopfen ist. Das einmal Entfesselte will sich nicht mehr eingrenzen lassen. Vermutlich muss man dem entfesselten kapitalistischen Geist mit seiner Rest-Energie irgendwo weiter sein (Un-)Wesen treiben lassen, und gleichzeitig Aufmerksamkeit und Ressourcen in eine neue gesellschaftliche Ordnung stecken, die das Thema „Geld haben“ („Kapitalismus“) vielleicht weniger hoch gewichtet (die Glücks-Forschung zeigt ja, das Geld haben ab der Deckung der Grundbedürfnisse nicht glücklich(er) macht; dass manche mehr Geld als andere haben wird so bleiben, aber ist dann vielleicht nicht mehr so wichtig), und die parallel an Kraft gewinnen muss.

Es gibt Alternativen oder: der Spiel- und Gewinntrieb gehört ins Kasino

Neben der Wahrnehmung der vielen alternativen Ansätze, die es schon im Schatten des gegenwärtig dominierenden Systems des Kapitalismus gibt (siehe auch unten im vorletzten Absatz das Genossenschaftswesen), ist es vielleicht nötig – oder zumindest als Übung interessant – das gesellschaftliche System grundsätzlich neu zu denken. Besonders anregend fand ich dabei das Buch „Gemeinwohlökonomie“ von Christian Felber (Deuticke 2010). Christian Felber hat im Umkreis mehrerer mittelständischer Unternehmer ein Ökonomie-Konzept erarbeitet, das konsequent die Förderung des Gemeinwohls an die Stelle des Profites setzt. Also eine späte Korrektur der Theorie von Adam Smith: Jetzt steht das Ziel von Wirtschaften überhaupt – nämlich die menschliche Wohlfahrt zu fördern – da, wo es hingehört. Und sofort ändert sich die wirtschaftliche Praxis. Der Eigennutz verschwindet nicht, aber er integriert sich in das Mögliche. Auch wenn es natürlich illusionär ist, dass sich alles von heute auf Morgen ändert, tut es gut, die Alternative einmal zu denken. Die Gemeinwohlökonomie ist immer noch eine Marktwirtschaft, aber mit komplett anderen Vorzeichen. Ja, was die Selbstsucht angeht müsste man etwas zahmer werden. Aber man würde sozial und ökologisch vermutlich viel gewinnen. Und natürlich hat der Mensch den Spiel- und Gewinntrieb. Aber um diesen auszuleben gibt es traditionell schon die Kasinos. Da muss man nicht die ganze Gesellschaft in Mithaftung nehmen.

Und das Interessante ist: Wie es in der Natur nicht nur „Fressen und gefressen Werden“, sondern durchaus auch Symbiose und Kooperation gibt, so ist es und so kann es im Menschlichen auch sein: nicht nur Wettbewerb macht Spaβ und motiviert, sondern auch Kooperation kann Freude machen. Man muss und sollte den Wettbewerb nicht abschaffen, aber ihm die Kooperation konstitutiv zur Seite stellen (in dem schon angesprochenen Konzept der Gemeinwohlökonomie werden gemeinwohlorientierte Aktionen bevorteilt).

Wie steht die WTO in diesem Zusammenhang?

Die WTO verstehe ich immer mehr wie eine Selbsthilfe-Einrichtung. Jedes Land neigt in der heute gängigen Verfasstheit der Nationalstaaten automatisch zum Protektionismus („Das süβe Gift des Protektionismus“, wie ein FAZ-Artikel zur WTO kürzlich überschrieben war). Zum Einen generieren Schutzzölle Einnahmen für den Staat, und zum anderen kommt man mit Schutzmechanismen der heimischen Wirtschaft entgegen, die sich schnell von aussen bedroht sieht, und diese bedankt sich durch Unterstützung. Da sich die Nationalstaaten ihrer eigenen Schwäche bewusst sind, und gleichzeitig die Einsicht da ist, dass offene Märkte zum Vorteil von allen sein können, haben sie sich in der „Selbsthilfe-Einrichtung WTO“ zusammen geschlossen. Die WTO in der Funktion, gegen den Hang Aller zum Protektionismus für freie Märkte zu sorgen. Und in der Tat ist die WTO eine Mitgliederorganisation, die sich auch als „Member-driven“, als Mitglieder-getrieben versteht.

Wenn Volkswirtschaften wachsen, dann kann man das am Brutto-Inlandsprodukt messen. Ein gesteigertes Brutto-Inlandsprodukt wird meist mit steigendem Wohlstand gleich gesetzt. Und so gehört es implizit zu den Zielen der WTO, den Wohlstand zu mehren, dito das Brutto-Inlandsprodukt zu steigern. Das geht durch Wachstum, für Wachstum braucht man funktionierende Märkte, und für funktionierende Märkte Wettbewerb… Also ist die WTO ganz mit dem derzeitigen kapitalistischen System verbunden. – Zu sehr, wie Olivier de Schutter, der UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung findet. Auf seinen Vorstoss wenige Woche vor dem Mitte Dezember stattgefundenen Ministertreffen, die WTO möge ihre Rolle in Bezug auf Ernährungssicherung mehr nachkommen, indem sie den einzelnen Ländern mehr Handlungsspielraum (u.a. Für Protektionismus) lassen solle, bekam er eine ziemlich geharnischte Reaktion von Pascal Lamy, dem Generaldirektor der WTO. Die WTO sorge gerade mit ihren offenen Märkten dafür, dass Lebensmittel zu den Bedürftigen kommen können. Woraufhin Olivier de Schutter wieder antwortete, die WTO verfolge ein veraltetes Konzept, das Leben habe doch gezeigt, dass die wirklich Bedürftigen zu wenig abbekämen. Die WTO würde mit ihrer (kapitalistischen) Politik die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrössern.

Die WTO spielt also eine bestimmte Rolle – sie soll ihre Mitglieder daran hindern, in zu protektionistische Massnahmen zu verfallen. Dabei hat sie sich ganz der kapitalistischen Logik verschrieben. Wenn die kapitalistische Logik an ihre Grenzen stösst, dann tut das notgedrungen auch die WTO, und vielleicht, ihrer Rolle als Treiber des Liberalismus gemäss, noch etwas stärker als andere.

Auf dem Ministertreffen Mitte Dezember in Genf bliesen alle Verlautbarungen noch in das alte, Kapitalistische-Logik-Horn („jobs and growth“). Gleichzeitig hat Pascal Lamy ein Multistakeholder-Forum angekündigt, das sich in 2012 über die Zukunft des Welthandels Gedanken machen soll. Allerdings ist offen, wieviel Neues dabei gedacht werden darf, da Pascal Lamy nicht wirklich einen Reformbedarf für die WTO ausmachen kann.

Die Rolle der UNO in diesem Kontext – das Jahr der Genossenschaften

Die UNO, auch eine Mitgliederorganisation der Staaten, bangt momentan eher um die Handlungshoheit des Staates. Ihr Ziel ist ein starker Staat, der durch Regulationen die Ungerechtigkeiten vermindert. Sie nimmt also eine andere Haltung als die WTO ein, sieht aber das Heil in einem starken Staat, den es, meiner Meinung nach, zukünftig so nicht mehr geben wird. Die UNO ist dabei offen für neue Ansätze. So wird das Konzept der „Green Economy“ auf UNO-Tagungen bewegt und besprochen. Gleichzeitig ist die UNO durch Auslobungen aktiv. So hat die UNO das kommende Jahr, das Jahr 2012 zum Jahr der Genossenschaften erklärt. Damit hebt sie diese Wirtschaftsverfassung in das öffentliche Bewusstsein und regt Aktivitäten in diesem Bereich an. Genossenschaftsbanken, wie z.B. die Raiffeisenbanken sind besser durch die Krise gekommen, als die Aktiengesellschafts-Banken. Andere Genossenschaftsbanken, wie die GLS Bank in Bochum, sind sogar deutlich gewachsen. Bei Genossenschaften wird nicht alles blind dem Renditeziel untergeordnet; meist spielen auch soziale Gesichtspunkte, wie das bewusste Schaffen von Arbeitsplätzen eine Rolle. Insofern ist das ein interessantes Geschäftsmodell. Das UNO Jahr der Genossenschaften wird diesem Modell mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Fazit

Der entfesselte Kapitalismus – der dieses Element der Selbstenfesselung immer ein Stück weit systemimmanent in sich trug und trägt – rangiert sich selber zunehmend an seine Grenzen. Das lenkt den Blick auf seine Grundannahmen – das selbstbezogene Streben – die Eigentumsmehrung – diene letztlich dem Wohlstand aller, und Wettbewerb als treibende Kraft sei unverzichtbar. Diese Grundannahmen überkommen sich in einer endlichen Welt in der Entfesselung selbst. Nun muss man vielleicht das nehmen wofür es steht: Wirtschaften soll dem Gemeinwohl dienen – und davon profitieren dann auch die einzelnen. Soherum kann es für die Zukunft richtig sein. Nicht nur Wettbewerb macht Spaβ, sondern auch Kooperation. Also muss man vielleicht alles vom Kopf auf die Füsse stellen, und eine Ökonomie schaffen, die das Gemeinwohl ins Zentrum stellt, und neben den Wettbbewerb die Kooperation. Dann muss der Mensch vom heute im Kapitalismus einseitig angesprochenen Raubtier und „Markteroberer“ im Mensch zum Vollmensch werden – vielleicht auch nicht die schlechteste Aussicht.

Der Mensch sei die Krone der Schöpfung, heisst es oft. Was hebt ihn vom (Raub-)tier ab? Die Fähigkeit zur Selbstreflektion und zur Einsicht. Was der Mensch evolutiv jedoch noch leisten muss, um sich die Krone wirklich zu verdienen, ist dann auch das Handeln aus Einsicht. Das will uns häufig noch nicht so richtig gelingen. Voilà, in der Ausgestaltung der Wirtschaft, die ja im Wesentlichen ein rein menschliches Konstrukt ist, finden wir dafür ein dankbares Betätigungsfeld. Vielleicht ist die Umkehrung so: galt bisher: wenn es mir dient, dann dient es (wohl) allen anderen mit, so könnte zukünftig gelten: wenn es allen dient, so dient es (letztlich) auch mir. Das ist vielleicht eine interessante Perspektive, auch für 2012, um es stückweise anzupacken.

So, nun ist der Rundbrief zum Schluss hin doch noch etwas eine weihnachtlich angehauchte Neujahrsansprache geworden. Sei’s drum.

Ich wünsche allen allseits ein gutes Neues Jahr!

Nikolai Fuchs

Impressum: Nexus Foundation, Genf