Rundbrief “Nexus” Nr. 15, 28.12.2012

Editoral

Werte Interessentin, werter Interessent der Nexus Foundation,

willkommen zum Rundbrief Nummer 15. In diesem Rundbrief wollen wir einen etwas verborgenen Aspekt in der Hungerbekämpfung beleuchten, der vielleicht auch gut in die jetzige Jahres-und Festeszeit passt.

Wir wünschen gute Lektüre!

Hunger, Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung

Hunger gilt bekanntlich als eine der schrecklichsten Geisseln der Menschheit, und das verstärkt, weil er sich eigentlich so leicht verhindern liesse. In der Weihnachtszeit sei ein besonderer Blick auf dieses Thema gestattet.

Die Zusammenhänge sind mittlerweile bekannt: In Bezug auf den Hunger heute stellt sich die Frage nach der prinzipiell verfügbaren Menge der Nahrung nur eingeschränkt (s.u.). Wichtiger ist die Zugangsmöglichkeit der Bedürftigen zu Nahrung. In diesem Zusammenhang ist die Beobachtung interessant, dass Hungersnöte in funktionierenden Demokratien nur sehr selten auftreten. Das wirft ein Licht auf einen weiteren Zusammenhang, den Amartya Sen, Träger des Wirtschaftsnobelpreises von 1998 ausleuchtet: Die Rolle der Entfremdung im Zusammenhang mit Hungerkrisen. Hungerkrisen sind meist Folge einer Entfremdung von Regierenden den Regierten gegenüber. Historisch in ein Bild gefasst und Marie Antoinette (1755 – 1793) in den Mund geschoben ist die Aussage: S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche! (Auf ihre Frage, was denn die aufgebrachte Menge vor den Schlosstoren wolle, soll sie die Antwort bekommen haben: „Das Volk hat kein Brot!“ Woraufhin sie geantwortet haben soll: „Dann sollen sie doch Kuchen essen!“). Das Phänomen Hunger ist überwiegend in Diktaturen oder Ländern mit mangelhafter Regierungsführung, wie z.B. in Nordkorea (die NZZ berichtete am 15. Dezember darüber) anzutreffen. Das ist das Eine – Hunger als ein Phänomen von Regierungsführung, die auf die Bedürfnisse der Bevölkerung nur eingeschränkt Rücksicht nehmen muss.

Ich möchte hier aber auf ein Anderes, auf ein „Geheimnis“ hinweisen, das mir in dem Zusammenhang „Hunger“ noch wichtiger erscheint.

Lebensmittel-Knappheit ist mit Bevölkerungswachstum korreliert (die meisten von Hunger betroffenen sind Kinder in Grossfamilien, heute in Südost-Asien und Subsahara Afrika). Malthus (1766 – 1834), der diesen Zusammenhang besonders publik machte (damals allerdings noch mit einem Sechstel der heutigen Weltbevölkerung!) war Zwangsmassnahmen betreffend wie der Geburtenkontrolle gegenüber durchaus aufgeschlossen. Und wer würde diesem Gedanken nicht einmal verfallen – irgendwie das Bevölkerungswachstum eindämmen zu können, um dem Hunger zu begegnen und die Belastung des Planeten in Massen zu halten. China, das von manchen als eine Parteien-Diktatur bezeichnet wird, hat so einen Weg mit der Ein-Kind-Politik eingeschlagen (wird jetzt gelockert). Das Interessante ist allerdings, dass die Kinderzahl im Allgemeinen augenscheinlich mit zunehmenden Wohlstand „von selber“ abnimmt. Zentral ist dabei die Bildung, die mit steigendem Wohlstand einher geht. Je mehr für Bildung insbesondere für Frauen getan wird, umso stärker gehen die Geburtenzahlen zurück. Dieses Phänomen ist allgemein bekannt. Der dafür zu Grunde liegende Moment ist allerdings dabei verborgen: Es sind natürlich auch die besseren Arbeits-Chancen für Frauen, die den Bildungs-Effekt kennzeichnen, und natürlich stimmt es dabei, dass ein Arbeitseinkommen mit Möglichkeit für das Alter vorzusorgen, von einer zukünftigen Versorgung im Alter durch die Kinder unabhängiger macht. Wichtiger scheint aber zu sein, dass die Frauen nun selbstbewusster über Selbstbestimmung verfügen – das scheint der entscheidende Punkt zu sein. Amartya Sen hat in seinem Buch „Ökonomie für den Menschen“ diesen Zusammenhang heraus gearbeitet. Die Freiheit, selber das Leben, das man mit guten Gründen führen will, gestalten zu können, hat – nach ihm – das Primat vor den Gesetzen der reinen Ökonomie. Die ökonomischen Vorteile stellen sich dann sekundär noch zusätzlich ein.

In der Entwicklungsarbeit auf den Menschen und seine Freiheit im Sen’schen Sinne setzen – das wirkt. Wenn das keine gute (weihnachtliche) Nachricht ist.

In diesem Sinne wünsche ich allseits alles Gute im neuen Jahr!

Nikolai Fuchs


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